Im Mai 1945 fuhr ein sowjetischer Offizier auf einem schweren Motorrad durch Berlins Straßen. Er fuhr zu den Trümmerbergen, zu den Überlebenden der besiegten Stadt, die in den Ruinen nach ihrem Hab und Gut suchten und nach Lebensmitteln und Trinkwasser anstanden. Der Offizier hieß Nikolai Erastowitsch Bersarin. Der 40-jährige Generaloberst hatte mit der 5. Armee die deutsche Hauptstadt erobert und war 55 Tage lang - vom 24. April bis zum 16. Juni - Berlins erster Stadtkommandant. Er hatte dafür gesorgt, dass Theater und Orchester wieder spielten, der Rundfunk sendete, Kinder in die Schule gingen und sogar Religionsunterricht erteilt wurde. Ein Erlass Bersarins vom 8. Mai stellte Plündern und Vergewaltigen unter Strafe. "Trinkwasser und Brot statt Rache" lautete seine Maxime. Am 16. Juni starb Bersarin bei einem Motorradunfall.Der Ost-Berliner Magistrat machte Bersarin 1975 zum Ehrenbürger. Doch 1992 erklärte der CDU-geführte Senat unter Eberhard Diepgen die alte Honoratiorenliste der DDR für ungültig. Bersarins Name tauchte in der neuen Gesamt-Berliner Aufstellung nicht mehr auf. Debatten um seine Integrität wurden geführt. So behaupteten Historiker, Bersarin sei 1940 für die Deportation von 47 000 Balten verantwortlich gewesen. Später stellte sich heraus, dass der Russe zu dieser Zeit gar nicht im Baltikum, sondern im sibirischen Wladiwostok eingesetzt war. Durch das wieder entdeckte Original seines Erlasses vom 8. Mai 1945 wurde er endgültig rehabilitiert. Im Juli 2000 beschlossen daher SPD, PDS und Grüne im Abgeordnetenhaus, Bersarin wieder zum Ehrenbürger zu ernennen. Der CDU-geführte Senat weigerte sich jedoch, diesen Parlamentsbeschluss umzusetzen.Doch auch die neue SPD-PDS-Koalition wird mit dem bevorstehenden 8. Mai ihre erste Gelegenheit verpassen, Bersarin zu alter Ehre zu verhelfen. "Der Senat hat dazu keine Planung", sagt Regierungssprecher Michael Donnermeyer. Eine Begründung geben andere: "Es gibt zurzeit so viel praktische Dinge zu tun", sagt Torsten Wöhlert, Sprecher des Kultursenators Thomas Flierl (PDS), "da sollten wir uns nicht von einer symbolischen Handlung in die nächste stürzen." Man habe den "Kopf voll mit den Problemen der Haushaltssanierung", sagt Jürgen Radebold, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Erst mal aufklärenTatsächlich, so heißt es von vielen Seiten, habe es in drei Monaten rot-roter Regierung schon genug Diskussionen um Namen gegeben: vom geplanten Denkmal für Rosa Luxemburg bis zur Louise-Schröder-Medaille für Daniela Dahn. Da wolle man keine neue Debatte eröffnen. So besteht auch Kultursenator Flierl nicht mehr auf einer "möglichst zeitnahen" Ehrung Bersarins, um die er noch Anfang April den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gebeten hatte. Flierl will erst mal aufklären: "Es ist nicht jedem Berliner klar, dass die Russen 1945 ihre Stadt befreit haben."Die Berliner Bildhauerin Anna-Franziska Schwarzbach indes hat schon ein Bersarin-Denkmal entworfen: der Generaloberst auf seinem Krad, das sich noch im Sturz aufbäumt wie ein Pferd. Sie hat auch einen Vorschlag, wo die Skulptur stehen könnte: Unter den Linden, in Fahrtrichtung Westen.Unfall-Tod// Karriere: Nikolai Erastowitsch Bersarin wurde 1904 in St. Petersburg geboren. Als 14-Jähriger trat er in die Rote Armee ein. Als Generaloberst eroberte er 1945 mit der 5. Armee Berlin. Als erster Stadtkommandant Berlins organisierte er die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser, die Öffnung von Kirchen, Schulen und Theatern sowie den Aufbau einer Kommunalverwaltung.Tod: In den Trümmern der Reichskanzlei fand er eine deutsche Zündapp. Mit ihr fuhr er durch Berlin, bis er am 16. Juni in einen sowjetischen Militärkonvoi raste. Er war sofort tot.Foto: BERLINER VERLAG, Rotarmist Nikolai Bersarin. Er wurde nur 41 Jahre alt.