Im Booklet zu seiner CD-Einspielung von Anton Bruckners Dritter Symphonie vertritt Nikolaus Harnoncourt merkwürdige Thesen über die historische Resonanz dieses Komponisten: Bruckner sei, mehr noch als Mahler, der "Wegbereiter der Wiener Schule", wobei dieser Weg "besonders zu Alban Berg" weise. Worin Harnoncourt diese Wegweiserschaft erkennt, bleibt dunkel. Wenn er Bruckner dirigiert, mögen sich in manchen erhitzten Momenten vielleicht oberflächliche Assoziationen zu Bartók oder dem Strawinsky des "Sacre" einstellen, kaum aber zu Berg. Insgesamt jedoch klingt Bruckner bei Harnoncourt besonders deutlich nach Bruckner. Man spürt keine interpretatorische Zwischeninstanz, alles klingt, als müsse es so sein. So gewann die Dritte Symphonie im Konzert mit den Berliner Philharmonikern etwas selbstverständlich Fließendes. Das Gewaltsame, die Ausbrüche, auch die scheinbar unvermittelt nebeneinander gesetzten Episoden, etwa in der Durchführung des ersten Satzes, wirkten vermittelt, die Pausen eher wie Ausschwingvorgänge. Das zerklüftete Hauptthema, eher ein ganzer Themen-Komplex, stand unter einer Regie, die ganz selbstverständlich Leises und Lautes, Monumentales und Miniaturhaftes verband. Dieses Weiterströmen führt dazu, dass die Sätze nicht triumphal enden, sondern fast beiläufig schließen, so im ersten Satz, so noch im Zitat des punktierten Haupt-Motivs am Schluss der Symphonie - Harnoncourt versagt sich das Ausrufungszeichen, der letzte Ton kommt fast zu beiläufig.Von der klanglichen Aufspaltung und Aufrauung, mit der Harnoncourt einst etwa Mozart rhetorisierte, war nichts zu spüren, allerdings auch nichts von opulenter Selbstzufriedenheit, es fehlte der satte Blechbläserglanz, der sich bei minderen Interpreten wie eine katholische Glocke über das Geschehen stülpt. Harnoncourt nimmt das Blech nach dem Einsatz zurück, noch in der furiosen Steigerung der Scherzo-Coda bleibt das Geschehen durchhörbar. Freilich wirkten, im Vergleich zu der Einspielung mit dem Concertgebouw Orchester, die Zwei-zu-Drei-Rhythmen des Kopfsatzes weniger differenziert, der Streicherklang insgesamt noch etwas zu kompakt und intransparent. Dass bei heiklen Passagen, etwa in den Streicherfiguren zu Beginn des Scherzos, jene Präzision fehlte, die Harnoncourt vielleicht gerade aufgrund seiner andeutenden Zeichengebung sonst auch live erreicht, war ebenfalls irritierend. Ist doch der Dirigent soeben von diesem Orchester durch die Verleihung der Hans-von-Bülow-Medaille gewürdigt worden. Wir verstehen die gelegentlichen Unschärfen als Hinweis auf die weitere Ausbaufähigkeit dieser Zusammenarbeit.Ausbaufähig erscheint allerdings auch die Auseinandersetzung des Geigers Thomas Zehetmair mit Felix Mendelssohn Bartholdys e-Moll-Violinkonzert, über deren gegenwärtiges Stadium man in der ersten Konzerthälfte informiert wurde. Deutlich spürbar war das Bestreben, das Werk aus dem Wunschkonzert zu befreien. Zehetmair versuchte das durch bewusste Unregelmäßigkeiten der Artikulation zu erreichen, so genannte Inegalität in Rhythmus und Dynamik. So wurde schon die zweite Hälfte des Hauptthemas rhythmisch etwas verzerrt, im Nachsatz des Seitenthemas wurde der Auftakt überbetont. Dem Finalthema fehlte jene feenhafte Leichtigkeit, die Zehetmair wohl als Mendelssohn-Klischee verachtet. Durch die Überartikulation der einzelnen Phrasen bekam das Thema aber etwas Holperndes. Leichtigkeit ist eben nicht mit Leichtfertigkeit gleichzusetzen, genauso wie ein süßer Geigenton nicht per se süßlich klingen muss: Zehetmair aber, dieser sicherlich intelligente und hoch talentierte Musiker, spielt bewusst spröde, scheut auch nicht vor der Produktion von Nebengeräuschen zurück. Es war sozusagen eine Klangrede mit Themaverfehlung. Harnoncourt hatte die Begleitung viel ebenmäßiger angelegt.