Obwohl unsere Gegenwart über Bilder und Bildschöpfungstechniken in einem Maß verfügt, wie vielleicht noch keine vor ihr, tut sich die Opernregie schwer mit bildmächtigen Werken, die eben aus der Anfangszeit unseres "visuellen Zeitalters" stammen. Das Problem ist vielleicht am bekanntesten durch Schönbergs "Moses und Aron". Es stellt sich aber auch etwa für Busonis "Doktor Faust", Szymanowskis "König Roger", und Franz Schrekers "Die Gezeichneten", mit denen die Salzburger Festspiele am Dienstag die Reihe ihrer Opern-Neuinszenierungen eröffnet haben.Man kann sagen, das Problem ist eines des Sujets, meist der erotischen Szenen, der Orgien; bereits die "Nacht der Liebe" im zweiten Akt des "Tristan" stellt die Regie vor peinliche Herausforderungen. Aber es ist ja nicht so, dass keiner Sex und Gewalt sehen wollte, wie im "Tanz um das Goldene Kalb" bei Schönberg. Der gesellschaftliche Konsum derartigen Bildmaterials ist heute groß. Sexualmorde wie in den Opern Schönbergs und Schrekers oder Enthauptungen wie in Strauss' "Salome" kursieren als Video-Dateien im Internet.Während allerdings die Befreiung des Sehens in den nietzscheanisch inspirierten Szenen eines dionysisch entfesselten Eros vor hundert Jahren eine Leistung der Kunst war und dieser selbst neue Mittel erschloss, hegt heute kaum jemand mehr entsprechende Erwartungen. Ist die sinnliche Befreiung als Utopie matt geworden wie andere Utopien auch? Ist mit der Befreiung das Pathos einer stumpfen Selbstverständlichkeit gewichen? Der Einwand gegen die unbegriffliche, ja antidiskursive Verführungskraft des Bildes, der in "Moses und Aron" nur eine der beiden verhandelten Positionen darstellt, scheint in der Oper die Oberhand gewonnen zu haben. Heute darf die Musik noch verführen, das Bild jedoch muss erläutern oder sich mit dem Gefallen bescheiden.Offenkundig reichen die Aufgaben über die Frage der bloßen "Darstellung" oder schlimmer noch, des "Erzählens einer Geschichte" hinaus. In Schrekers "Die Gezeichneten" (1911-18) sind die bildlichen und erotischen Phantasmagorien nicht zu lösen von der Verhandlung dessen, was Kunst und Künstler seien. Das "Elysium", die Insel der Lüste, die der Renaissance-Edelmann Alviano Salvago gegenüber der Stadt Genua für seine adligen Freunde hat bauen lassen, ist sicher ein Ort des Lasters; Mädchen werden dorthin verschleppt und zur Steigerung des sexuellen Erlebens ermordet. In der von den Freunden ins ethische Extrem geführten Losung Alvianos, die Schönheit sei "Beute des Starken", geht es aber auch um die Frage der Ästhetik: Eben um die Schönheit, der ein eigenes (Insel-)Reich fernab vom Geschäftsleben der Hafenstadt errichtet worden ist.Der Gegensatz einer Aristokratie des sinnlichen Wahrnehmens und auch der Dekadenz auf der einen Seite, und den so anständigen wie verführbaren Bürgern auf der anderen, wird von Schreker in einer Handlung um die Schenkung der Insel an die Allgemeinheit entfaltet. Die Schenkung bringt das Problem jenes Reichs der Lust und Sinnlichkeit entscheidend ans Licht. Schreker stellt aber auch am Einzelfall die Frage nach Künstlertum und Identität: in den Figuren Alvianos, seines virilen Gegenspielers Vitelozzo und der Malerin Carlotta. Dass diese Identität eine sexuell bestimmte ist, darauf weist die Inszenierung Nikolaus Lehnhoffs hin. Alle Figuren sind in figurbetonte, schwarz glänzende Erotik-Outfits gekleidet. Alviano, der nach Schreker "hässlichste Mann Genuas", trägt bei Lehnhoff keinen Buckel, seine abstoßende "Behinderung" ist durch Netzstrümpfe und Damen-Wäsche als verkehrte, zum Femininen schwankende Identität erklärt.Alviano will von Carlotta geliebt werden und erniedrigt sich vor ihr; Vitelozzo liebt Carlotta, indem er sie erniedrigt. Aus der Erniedrigung aber entsteht bei Carlotta Kunst. An ihr und an Alviano zeigt sich der angesichts der Morde und der sozialen Fragen abstoßende, penetrant angesteuerte Fluchtpunkt des Werkes, der eines unglücklichen, maßlosen Narzissmus. Was die Verkörperung dieser Identitäten anbelangt, hat sich - bei insgesamt sehr guter Besetzung der zahlreichen Gesangsrollen - der Bassbariton Michael Volle als in schier grenzenloser sinnlicher Exaltation sich erschöpfender Vitelozzo als beeindruckender Gesangsdarsteller gezeigt.Anne Schwanewilms in der Rolle der Carlotta hielt bei aller dem großen Orchester gegenüber gebotenen Durchschlagskraft einen betont mädchenhaften Ton durch - in der Betonung wurde das Uneigentliche dieses Charakters fassbar. Nikolaus Lehnhoff ist allerdings nicht der Regisseur, der über die fassliche Darstellung hinaus zur Interpretation gelangte. So ist an seiner Inszenierung vor allem zu rühmen, wie die Bewegungen der Figuren auf die Formverläufe von Schrekers Musik reagieren: Ein Gang ist durch ein musikalisches Ereignis ausgelöst oder dauert so lange, wie dieses; macht die Musik einen Absatz, dann tut dies auch der Gehende. So gab es doch etwas mit den Augen zu hören.Im wesentlichen aber blieb das Phantasmagorische, die Flut und das Ineinanderfließende der Bilder dem Deutschen Symphonie-Orchester und seinen Dirigenten Kent Nagano vorbehalten. Wie genau es da flutet und ineinander fließt, das entzieht sich in vielen Details der Wahrnehmung und soll es wohl auch - den kritischen Hörer schafft sich Schreker mit dieser Musik des lasziven Dauerschillerns nicht. Doch Nagano und das DSO haben großartig gespielt. Wie man eine gegen das Unendliche hin verfeinerte Farbpalette und größtmögliche Klarheit verbindet, dafür besitzt dieses Orchester besondere Kompetenz.Dem Farben-und Bilderrausch setzt Nagano mit äußerster Bestimmtheit und Eleganz die rhythmisch geprägte Form entgegen: So wird diese Musik eigentlich erst dramatisch. Andererseits liegt in der alles integrierenden Akkuratesse, in der Reduktion der Problemlage aufs Rein-Ästhetische auch eine Gefahr. In einer Produktion an der Staatsoper Stuttgart hat etwa Lothar Zagrosek 1992 das Beängstigende, Gewalthafte vieler Farbwechsel betont - damit wird die Musik selbst zu einem Medium des erotischen Experiments, die Aufführung nimmt einen Standpunkt ein. Nagano dagegen lässt die Dinge einfach schön sein. Alles in der Partitur, auch die Verismo-Phrasen und die Renaissance-Fanfaren, wird in eine Art von Fin-de-Siècle-Klang eingeschmolzen, selbst der für unsere heutigen Ohren billig nachklickende After-Beat im dritten Akt kommt akkurat. Wir haben aber anfangs beobachtet, nur die Musik dürfe heute in der Oper noch verführen. Ob sie es auch soll, um jeden Preis, das ist eine Frage, die man in den "Gezeichneten" nicht mit Ja beantworten muss.------------------------------BesetzungMusikalische Leitung Kent NaganoInszenierung Nikolaus LehnhoffBühne Raimund BauerKostüme Andrea Schmidt-FuttererChoreografie Denni SayerMitwirkende Robert Hale (Herzog Antoniotto Adorno), Michael Volle (Andrea Vitelozzo Tamare), Wolfgang Schöne (Lodovico Nardi), Anne Schwanewilms (Carlotta Nardi), Robert Brubaker (Alviano Salvago); Wiener Staatsopernchor, DSO Berlin.------------------------------Foto: Dem Reich der Lust ist das Verbrechen nicht fremd. Szene aus Nikolaus Lehnhoffs Salzburger Inszenierung von Franz Schrekers "Die Gezeichneten".