Robbie Williams? Riecht gut. Beth Ditto? Eine gute Freundin. Diese beiden und eine endlos lange Reihe anderer Prominenter hatte Nina Queer schon in ihren Armen. Grund genug, Bilanz zu ziehen, auch wenn sie, wie sie gerne behauptet, gerade einmal 25 Jahre alt ist. Nina Queer ist einer der bekanntesten Transvestiten Berlins. Im April nun erschien ihr erstes Buch: "Dauerläufig".Es ist die Geschichte einer Entrepreneurin. Und ihr Geschäft, das ist sie selbst. Vor zehn Jahren kam sie aus der bayerischen Provinz nach Berlin. Von der Imbissbude, in der sie Würstchen briet, schaffte sie es zur Fernseh- und Radiomoderatorin, Barbesitzerin, Bühnenkünstlerin, Sängerin und jetzt eben Buchautorin. Das ist die Geschichte, die in "Dauerläufig" erzählt wird. Und es ist die Geschichte davon, was aus dem Menschen hinter einer Kunstfigur mit Kunsthaar und Kunstbusen wird, wenn das eigene Leben zwischen Exzessen, Extremen und Skandalen das Geschäftsmodell ist. Man muss sich auf dieses Buch einlassen und als Leser mehr als nur Voyeur sein, der auf den knapp 200 Seiten unzählige Male Zeuge von Oralverkehr wird.So wundert es nicht, dass es schwierig war, als Nina Queer ein Manuskript, in dem gefühlt jedes zweite Wort "Schwanz" ist, rausschickte. "Keiner wollte mich", sagt sie. Vielleicht liegt es auch an ihrem Humor, der so gewöhnungsbedürftig ist, wie die schonungslose Schilderung aller Sex-Abenteuer in der Berliner Fetisch-Szene: "Kann mir mal jemand ein Glas Champagner bringen? Ich bin so trocken oben herum", sagte sie bei ihrer Buchpräsentation vor zwei Wochen, ehe sie sich auf das Doppelbett in einer Suite des Ellington Hotels zwischen zwei nackte Jünglinge fallen ließ.Keiner wollte dieses Buch also, doch dann kam Jim Baker vom Berliner Querverlag. Wenn Jim Baker neben Nina Queer steht, muss er den Kopf in den Nacken legen, will er sie anschauen. Er ist sicher zwei Köpfe kleiner als sie. Mit Nickelbrille, Schnurrbart und blauem Anzug sieht er mehr aus wie ein Schaffner als wie der Chef eines schwul-lesbischen Verlages. "Wir bekommen fünf Manuskripte in der Woche zugesandt", sagt er, "aber das von Nina war etwas völlig anderes." So anders, dass er sofort gedacht habe: Das müssen wir bringen.Unter bestimmten Bedingungen allerdings: "Alles frei erfunden", sagt Nina Queer, "das Buch hat nichts mit meinem Leben zu tun." Sie muss das sagen, weil es auch im Jahre 2011 noch nicht einfach ist, ein solches Buch herauszubringen. Der Querverlag sei schon mehrmals verklagt worden, sagt Jim Baker. Bevor Nina Queers Buch in den Druck ging, wurde mit dem Rechtsanwalt gesprochen und viele Namen und Details geändert. Die Klagen, erzählt Jim Baker, kommen meist von Heterosexuellen. Bis heute wird es offenbar als rufschädigend empfunden, auch nur Teil einer Erzählung wie der Nina Queers zu sein. Und für einen kleinen Verlag wie dem von Jim Baker, der "Dauerläufig" mit einer Erstauflage von 3000Exemplaren herausbrachte, können die Geldstrafen, die bei solche Klagen folgen, existenzbedrohlich sein.Also ging man auf Nummer sicher. Vielleicht war es besser so, denn Nina Queer sagt selbst, wenn man sie auf andere Skandalbücher der Vergangenheit anspricht: "Charlotte Roches ,Feuchtgebiete' ist ein Kinderspaziergang gegen mein Buch." Aber zum Glück erfährt der Leser von ihr nicht nur, dass eine Perlenkette nicht unbedingt ein Schmuckstück sein muss oder was der Unterschied zwischen einem Dirty Sanchez und einem Dirty Rodriguez ist, sondern auch, dass Tomatensalat mit Weinessig besser schmeckt als mit Balsamico. Und am Ende noch das: Das Schlimmste im Leben ist, sich zu verbiegen. Das zumindest hat Debütautorin Nina Queer beherzigt.------------------------------Foto: Im Bett mit Nina Queer: Buchpräsentation im Hotel Ellington.