Am Tag, nachdem die Entscheidung fiel, reden die Bewohner von Friedenau über ihre Nobelpreisträgerin Herta Müller, über die Frau aus der Nachbarschaft, die für viele Menschen in dem bürgerlichen Viertel im Süden Schönebergs bis zum Donnerstag eine unbekannte Schriftstellerin war. Am Schalter der Sparkasse an der Kaisereiche fällt ihr Name, auch im Zeitungsladen in der Beckerstraße. Im Zeitungsständer ist das Bild der Autorin, die nur ein paar Straßen weiter wohnt, am Freitag auf den Titelseiten aller Zeitungen zu sehen.Manche Anwohner schauten am Freitag sogar auf das Klingelschild des Hauses an der Menzelstraße, wo Herta Müller wohnt, um wirklich sicher zu sein, dass ihre Nachbarin jetzt eine Nobelpreisträgerin ist.Dabei scheint es überhaupt nicht verwunderlich, dass Herta Müller ausgerechnet in Friedenau lebt. Die Schriftstellerin setzt die hundert Jahre alte Literaturgeschichte Friedenaus bis in die Gegenwart fort. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zogen bekannte Persönlichkeiten, Künstler und Schriftsteller in die 1871 gegründete Villenkolonie "Frieden-Au", darunter Rosa Luxemburg und Karl Kautsky. In den 20er-Jahren schrieb Kurt Tucholsky dort seine Texte. In dieser Zeit zog auch Erich Kästner in eines der vielen Jugendstilhäuser in dieser Gegend, die mit ihren Vorgärten bis heute das Bild des im Zweiten Weltkrieg nahezu unzerstörten Viertels prägen. In der Niedstraße 5 bezog Tucholsky eine Zweitwohnung.Man kann die Niedstraße als die Literaturstraße Friedenaus bezeichnen. 1959 zog dort der aus der DDR stammende Schriftsteller Uwe Johnson ins Haus Nummer 14, einige Jahre zuvor hatte in dieser Wohnung der "Brücke"-Maler Karl Schmidt-Rottluff sein Atelier. 1963 kam der Schriftsteller Günter Grass hinzu, er zog ins Nachbarhaus, Niedstraße 13, und lebte dort bis 1996. Drei Jahre später wurde Grass mit dem Literaturnobelpreis geehrt."Uwe Johnson setzte mit seinem Umzug nach Friedenau einen wichtigen Trend in dieser Zeit. Viele folgten ihm", sagt der Literaturexperte Heinz Blumensath. Mit seiner Frau Christel hat Heinz Blumensath das Buch "Das andere Friedenau. Spaziergänge durch Kunst- und Literatur- und Baugeschichte" veröffentlicht. Mit Herta Müller ist er befreundet, in der Literaturszene kennt er sich aus. "Friedenau ist ein Viertel, das die Künste verbindet", sagt er. Die Künstler trafen sich in Kneipen und Wohnungen. Uwe Johnson, Max Frisch und Hans-Magnus-Enzensberger, die auch in Friedenau lebten, saßen oft bei Günter Grass auf der Terrasse. Offenbar zog es die Künstler aus einem ganz einfachen Grund nach Friedenau. "Es gibt viele schöne Altbauten und schon immer vergleichsweise billige Mieten", sagt Heinz Blumensath.Heutzutage treffen sich die Friedenauer Schriftsteller und ihre Leser in der Nicolaischen Buchhandlung in der Rheinstraße 65. Seit 1986 leitet dort Burckhardt Widera die Geschäfte. Er hat Günter Grass, der gleich um die Ecke gewohnt hatte, kennengelernt. Heute kommen Herta Müller und auch Julia Frank. Die Schriftstellerin, 1970 in Lichtenberg geboren, gewann 2007 den Deutschen Buchpreis. Nun lebt sie auch in Friedenau.Gern hätte Widera Bücher der Nobelpreisträgerin Müller ins Schaufenster gestellt. Doch es gibt in seinem Laden derzeit kein einziges Buch mehr von ihr. "Alle Exemplare sind verkauft", sagt Widera. Nur ein paar vorbestellte Bücher hat er noch da. Längst gibt eine lange Liste mit Bestellungen ihres Buches "Atemschaukel", auch sonst läuft das Büchergeschäft gut. "In Friedenau lohnt es sich, einen Buchladen mit anspruchsvoller Belletristik zu führen. Die Bewohner sind hier sehr auf Kultur ausgerichtet."------------------------------PoetentreffHerta Müller lebt mit ihrem Lebensgefährten in einem Backsteinaltbau in der ruhig gelegenen Menzelstraße. Es gibt dort Arztpraxen und einige kleine Läden. Am oberen Ende führt die Stadtautobahn entlang.Erich Kästner (1899-1974) bezog in den 20er-Jahren eine Zweitwohnung in der Niedstraße 5. In dieser Zeit entstand auch sein Kinderbuch "Emil und die Detektive", das rund um den Nollendorfplatz spielt. Bis in die 80er-Jahre gab es an der Haustür noch sein Klingelschild.Günter Grass verbrachte die Jahre von 1963 bis 1996 in dem kleinen Landhaus in der Nied-straße 13. Auf seiner Terrasse empfing er befreundete Autoren zum Hammelbratenessen.------------------------------"In Friedenau lohnt es sich, einen Buch- laden mit anspruchsvoller Belletristik zu führen." Burckhardt Widera, BuchhändlerFoto (4): Buchhändler Burckhardt Widera bediente einst Günter Grass, heute kommen Herta Müller und Julia Frank in seinen Laden.