Haben gängige Geschichtsatlanten die Zerstörung deutscher Städte im Luftkrieg registriert oder haben sie das Thema "verdrängt"? Schauen wir einmal nach: Knaurs weit verbreiteter Neuer Historischer Weltatlas in der deutschen Bearbeitung von 1979/1980 verzeichnet die großen Städtezerstörungen direkt neben der Karte mit den Konzentrationslagern. Vielleicht haben Lehrer davon weniger gesprochen; vielleicht zeigte das Fernsehen lange Zeit weniger Aufnahmen; vielleicht wurden weniger Habilitationsschriften darüber verfasst. Vermutlich hatten Überlebende gute Gründe, von ihren Erfahrungen nicht zu sprechen. Niemand verdient einen Vorwurf, wenn er von bestimmten Erlebnissen nicht spricht. Und es ist ein schäbiger Trick, sich mit der Behauptung zu Wort zu melden, man sei der Erste, der ein Tabu bricht. Wie man sieht, mischen sich in die anschwellende Debatte die verschiedensten Gefühle und Interessen. Die Diskutanten unterscheiden zu wenig zwischen persönlichen Erinnerungen, strategischen Erklärungen und völkerrechtlichen Debatten. Wenn zum Beispiel gesagt wird, wir Deutschen hätten den Bombenkrieg "verdrängt", so kann das die verschiedensten Bedeutungen haben: Es kann heißen: Viele Bombenopfer hatten andere Sorgen. Oder: Viele Deutsche haben die Kellerzeit halb-schuldbewusst aus dem Gedächtnis gestrichen. Oder: Sie haben sich nicht getraut, auch von der Schuld der Alliierten zu sprechen. Oder: Das Problem wurde von deutschen Historikern nicht genug beachtet. In unseren Geschichtsatlanten jedenfalls kam es vor.Der Sammelband "Ein Volk von Opfern?" dokumentiert die laufende Debatte und versucht eine erste Klärung. Der Herausgeber hat prominente Mitarbeiter gewonnen; ich nenne nur Ralph Giordano und Peter Wapnewski, Hans Mommsen und Hans-Ulrich Wehler. Es ist ein informativer Band zu Stande gekommen. Drei Schwerpunkte zeichnen sich ab: Der erste Teil beschreibt Voraussetzungen und Entwicklungen der Konzepte des Flächenbombardements; der zweite Teil dokumentiert und kommentiert die Debatte, die Jörg Friedrichs Buch ("Der Brand") in Deutschland ausgelöst hat. Der dritte Teil bringt britische Reaktionen. Der Herausgeber Lothar Kettenacker ist stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London. Das erklärt Vorzüge und Grenzen dieses Buches. Die Vorzüge liegen darin, dass die Debatte auch aus englischer Sicht geführt wird. So kommen Autoren zu Wort, die den Bombenkrieg "zwar brutal, aber notwendig" nennen. In Deutschland hatte General Erich Ludendorff 1935 aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs die Theorie vom "totalen Krieg" entwickelt. Jetzt erfährt man, dass auch englische und amerikanische Autoren eine Kriegstheorie entwickelt haben, die keinen Unterschied mehr machte zwischen Soldaten und Zivilisten. Englische Stimmen wenden sich gegen die Anklage, der Bombergeneral Harris oder Churchill seien Kriegsverbrecher gewesen wie Hitler. Keiner der deutschen Beiträge vertritt diese These; keiner schließt aber auch aus, dass diese Anschuldigung als dunkler Untergrund der öffentlichen Diskussion mitschwingt. Dass der Band als englisch-deutsches Gespräch konzipiert ist, macht seine gedankliche Schwäche aus; er drängt die Debatte noch einmal in Richtung auf Schuldfrage und Völkerrecht, auf Anklage und Verteidigung. Dadurch wird zu viel moralisiert. Fast alle Autoren erklären, sie sprächen gegen das Aufrechnen, und kaum einer hält sich davon frei. Dabei gibt es gegen das Moralisieren in geschichtlichen Fragen gute Einwände: Es lenkt ab von persönlichen Erfahrungen und von historischen Analysen. Und vor allem: Wem steht es zu? Wer den Krieg betrieben hat, wer vom Krieg anfangs profitiert oder wer noch 1943 lauthals geschrien hat, er wolle ihn totaler als man sich vorstellen könne, der sollte sich nicht auf das moralische oder völkerrechtliche Podest stellen. Dann war es schon besser, den Mund zu halten. Einzelne Beiträge illustrieren, wie Kriegsgegner sich gegenseitig brutalisierten und wie jeder sich moralische Überlegenheit zuschrieb. Das Absinken des moralischen Niveaus in Krieg und Kriegsvorbereitung entspricht dem Aufstieg der moralistischen Kriegsrhetorik und dem Anschwärzen des Kriegsgegners. Aber wenn die Auseinandersetzung damit eine moralische sein soll, dann muss sie im eigenen Hause anfangen.Dagegen helfen nur die persönliche Erinnerung und die fachlich-wissenschaftliche Aufarbeitung. Umstritten in diesem Sammelband ist das Informationsniveau und der Sprachstil von Jörg Friedrich. Martin Walser nennt ihn einen "unendlich kundigen Fachmann"; der gelernte Militärhistoriker Horst Boog attestiert dem ehemaligen "Schauspieler und Regisseur" zwar auch Wortgewalt und geschickten Umgang mit dem Publikum, kreidet ihm aber "falsche Feindstärkeangaben und Datierungsfehler" an. Jörg Friedrich habe weder deutsche noch alliierte Akten studiert: "Das Buch bringt sachlich nichts Neues." Das Pingpong versteckter, halb-versteckter und offener Anklage oder Verteidigung verdirbt das große Thema. Das ist gerade das Furchtbare am Krieg, er setzt moralische und juridische Begriffe außer Kraft. Ist er einmal ausgebrochen, dann tobt sich seine Roheit aus, jenseits von Gut und Böse. Da ist retrospektiv nichts zu rechtfertigen; man kann ihn nur erzählen oder kalt analysieren. Daher verdienen zwei Beiträge besonderes Interesse: Peter Wapnewski erzählt vom Bombenkrieg in Berlin, erschüttert, aber ohne jeden Moralismus. Das muss man lesen, das lässt sich nicht resümieren. Horst Boog erschöpft sich nicht in der Kritik an Friedrich; er skizziert fachmännisch ein Gesamtbild. Danach war das moral bombing, also die bewusste Zerstörung der Wohnungen und Menschen, zwar auch in England schon vor dem Krieg ins Auge gefasst, wurde aber erst seit Februar 1942 zur Regel. Es zeigte sich, die von den Militärs versprochene Zielgenauigkeit ließ sich nicht erreichen. Boog wendet sich dagegen, den Luftkrieg "nur von der zivilen Leidensseite" zu beschreiben. Vielmehr insistiert er, dass die meisten Städtezerstörungen der letzten Kriegsphase militärisch überflüssig gewesen seien; eine Rebellion gegen das Hitler-Regime haben sie jedenfalls nicht auslösen können. Immerhin haben sie uns eine zweite Dolchstoßlegende erspart. Sie haben dem Verblendetsten gezeigt, dass wir diesmal den Krieg wirklich verloren haben.Lothar Kettenacker: (Hg. ) Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-1945, Rowohlt Berlin 2003, 192 S. , 14,90 Euro.DPA Dresden nach dem Luftangriff.