Zur Erinnerung - das Fernmeldegeheimnis steht seit längerem nurmehr auf dem Papier. Darüber mag klagen, wer will, doch offenbar will niemand mehr. Vor einigen Wochen hat der ehemalige Bundesverfassungsrichter Jürgen Kühling dem grundgesetzlichen geschützten Fernmeldegeheimnis "Totalverlust" attestiert,"nachdem inzwischen buchstäblich jedes Telefonat abgehört wird, sei es - in geringerem Maße - durch legale Maßnahmen staatlicher Behörden, sei es - umfassend - durch fremde Geheimdienste". Sofern irgendjemand davon erschüttert gewesen sein sollte, hat er es nicht gezeigt. Und da man bereits beim Achselzucken war, zuckte man gleich weiter, als Kühling bemerkte: "Übrigens werden unsere Gespräche, soweit sie über Funkstrecken ins Ausland gehen, auch vom BND vollständig abgehört." Was Kühling nicht wissen konnte: Die Gesellschaft hat sich längst ans offene Gespräch gewöhnt, so offen, dass es jeder mithören kann.Seit gestern befasst sich das Bundesverfassungsgericht mit der Verwanzung von Wohnungen im Zuge effektiver Kriminalitätsbekämpfung, vulgo Großer Lauschangriff. Das Gesetz erlaubt den Einsatz der Wanze ohne konkrete Gefahr und ohne dringenden Tatverdacht, es genügt ein einfacher Verdacht auf Grund "bestimmter Tatsachen". Selbstverständlich dient die Wanze dem Kampf gegen "besonders schwere Straftaten", insgesamt 30, darunter auch solche, auf die nicht einmal Freiheitsstrafen stehen. Wo da der Schutz der Privatheit bleibt? Vgl. Fernmeldegeheimnis.