BERLIN, 17. Oktober. Nun ist also wieder einmal die Zeit der Anfeindungen gekommen, die Zeit der Neider und Miesepeter, die Zeit jener, die schnell einmal den Kopf heraustrecken und sagen: "Alles nicht so wild, bitte mal halblang, nicht so ein Getöse um eine bloße Zahl, wir reden hier doch nur über Boxen, über einen WM-Kampf, nichts Ungewöhnliches also."Die PR des Boxstalls Universum und des übertragenden Senders ZDF sprechen eine deutliche Sprache: Wenn Dariusz Michalczewski am Sonnabend in den Ring der Hamburger Color-Line-Arena klettert und seinen Titel im Halbschwergewicht nach Version des Boxverbandes WBO gegen den Argentinier Julio Cesar Gonzalez verteidigt, dann soll er einen so genannten Weltrekord egalisieren: 49 Kämpfe in Serie ungeschlagen von Anbeginn seiner Karriere; eine makellose Serie, wie sie bisher nur dem amerikanischen Schwergewichtschampion Rocky Marciano in den fünfziger Jahren gelang.Unendliche AuswahlBloßes Blendwerk für ein sensationslustiges Publikum sei die Faszination eines solchen Zahlenspiels, irrelevant der sportliche Wert. So etwas übermittelt Sven Ottke, der Champion im Supermittelgewicht via Sportbild: "Dieser Rekord ist witzlos. Die meisten waren handverlesene Gegner." Und kaum einer der Störenfriede lässt unerwähnt, dass es zu Zeiten Marcianos ja nur einen Weltverband gab, ergo nur einen Champion pro Gewichtsklasse und nicht vier wie heute, die eine unendliche Auswahl an Herausforderern erlauben. Es ist das Dilemma des Weltmeisters Dariusz Michalczewski, dass er tun und lassen kann, was er will - Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Respekt, wird ihm niemals ungeteilt entgegengebracht. Lehnt ihn das deutsche Publikum in seiner Breite nicht viel eher ab als die Klitschko-Brüder, und das, obwohl Michalczewski, der gebürtige Pole, sogar über deutsche Ausweispapiere verfügt? Dem deutschen Publikum ist er zu polnisch, dem polnischen zu deutsch. Ein Mann zwischen den Grenzen eben - und deshalb nicht wirklich greifbar. Als Michalczewski im Dezember 2001 in Berlin den Jamaikaner Richard Hall bezwang und seine Leistung vom Publikum nicht hinreichend gewürdigt glaubte, als ihm die Pfiffe nach dem umstrittenen Abbruchsieg zu viel wurden, entlud sich die Zerrissenheit des Doppelstaatlers in einem verbalen Irrlauf, der in einem fordernden Satz gipfelte: "Ihr müsst euch alle freuen, dass ihr mich habt."Resignation und Verweigerung war seine Antwort auf die verwehrte Bewunderung: Vier Monate später trat er erstmals in Danzig, seiner Heimatstadt an. Erstmals boxte er unter polnischer Flagge, erstmals lief die polnischen Nationalhymne und nicht die deutsche vom Band.Die Egalisierung der Siegesserie Marcianos ist vielleicht die letzte Versuchung, die Michalczewski lockt, um sich allumfassende Anerkennung zu erstreiten, und gelingt es ihm, wäre es der Triumph der Statistik über die sportliche Leistung: Bisher mochte er boxen, gegen wen er wollte, er konnte die Spitzenkräfte seiner Zunft schwer vermöbeln, es half alles nichts: Hall, Harmon, Prince und Griffin beugten ihr Knie vorm Titelverteidiger; und auch Julio Cesar Gonzalez, jener 27 Jahre alte Argentinier, der ihn am Sonnabend fordert, ist ein versierter Mann, einer, der von seinen 35 Duellen 22 vorzeitig beendete und nur eines verlor: Gegen Roy Jones jr., den besten Boxer der Gegenwart, unterlag er nach Punkten, jenem Mr. Jones, dessen einzig ernsthafter Kontrahent Dariusz Michalczewski heißt. Der ist längst nicht mehr so versessen auf ein Duell mit dem Mann, der kein sportliches Ziel mehr kennt. Nicht mehr der Traumgegner Jones provoziere ihn in seinem Ehrgeiz, sondern lediglich noch die Aussicht auf eine Traumgage, abgerechnet in Dollar. 15 000 wollen das Duell in Hamburg sehen; die Arena ist ausverkauft. Die Aussicht auf den Kampf zweier Offensivboxer füllt die Halle. Eine respektable Zahl. Bezwingt der Champion seinen Herausforderer, wird das Publikum jedoch keinen deutschen Sieger feiern können: Dariusz Michalczewski wird seinen vierten Kampf unter polnischer Flagge austragen.Kontrahenten im Ring // Dariusz Michalczweski ist seit 1994 Weltmeister des Boxverbandes WBO im Halbschwergewicht. Damals gewann er den Titel gegen Leeonzer Barber. In 48 Kämpfen blieb der gebürtige Pole, der in Hamburg und Danzig lebt, bisher ungeschlagen, 38 Mal siegte der 34-Jährige per K. o. Gegen Julio Cesar Gonzales bestreitet Michalczewski seine 24. Titelverteidigung.Julio Cesar Gonzalez bestritt bisher 35 Kämpfe, von denen er nur einen verlor. Er unterlag dem Amerikaner Roy Jones Jr. nach Punkten. 22 gewann Gonzalez durch K. o. Der 27-jährige Argentinier ist mit 1,88 Meter vier Zentimeter größer als Dariusz Michalczewski und verfügt über Reichweitenvorteile. Gonzalez wird von allen vier Weltverbänden an Spitzenpositionen geführt.DDP/JOERN POLLEX Hehre Ziele: der WBO-Champion Dariusz Michalczewski vor seinem Duell in Hamburg.