Der erste Wanderer auf Samothraki, so berichtet Homer, soll Poseidon gewesen sein. Allerdings: Es war nicht die Lust zur sportlichen Fortbewegung, die den Meeresgott zum Gipfelsturm auf den 1644 Meter hohen Oros Fengari trieb. Es war ein schlicht menschliches Interesse: Neugier. Schließlich bot sich ihm von dem höchsten Berg der Ägäis die beste Aussicht auf die Stadt, die er einst selbst erbaut hatte und vor deren Toren gerade eine wilde Schlacht tobte -Troja. Zwar war er von den Trojanern um seinen göttlichen Lohn geprellt worden, aber dass die Griechen jetzt die Stadt verwüsteten, ging ihm doch zu weit. Das würde er Odysseus schon heimzahlen. Der, so schwor er sich, sollte bei seiner Rückkehr ins heimatliche Ithaka nichts zu lachen haben.Unter diesem Fluch Poseidons leidet die Insel Samothraki noch heute. Fast ununterbrochen fegt ein kräftiger Wind über den Norden der Ägäis. Er kommt über das Wasser gebraust, wühlt in den Kleidern und zerrt an den Haaren. Selbst für das moderne Tragflügelboot, die schnellste Verbindung zwischen dem Festland und der Insel, ist es an diesem Morgen zu stürmisch. Wir müssen die große Autofähre nehmen, die behäbig an der Kaimauer von Alexandroupolis dümpelt, der östlichsten Hafenstadt Griechenlands, nur knapp fünfzig Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Zwei Stunden schaukelnde Überfahrt, dann taucht, wie ein überdimensionaler Saurierrü-cken, Samothraki aus dem Morgendunst. Schroff und steil erhebt sich das Fengari-Gebirge aus dem Meer -ein grauer, spröder Felsklotz, umrahmt von einem grünen Uferstreifen aus Steineichen, Kiefern und Olivenbäumen.Mürrische GleichgültigkeitDer englische Dramatiker Lawrence Durrell (1912-1990) war von diesem Anblick einst wenig begeistert: "Vom Meer aus bietet sich Samothraki dem Besucher mit massiger, mürrischer Gleichgültigkeit dar -düster und barbarisch. Mir gefiel nichts, ja, gar nichts daran, und ich entschloss mich, lieber an Bord zu bleiben."Schade für den Dichter. Denn das 178 Quadratkilometer große Samothraki ist eine der ungewöhnlichsten Inseln der Ägäis -einsam, still und unberührt. Kein Wildwuchs von Hotels und Restaurants wie in vielen anderen Urlaubergefilden Griechenlands. Dunkle Wälder reichen bis an die Küsten heran, an denen sich, vor allem an der Nordseite unweit des Inselhafens Kamariotissa, endlose Sand- und Kieselstrände erstrecken, fast ebenso menschenleer wie die Meeresbucht von Pachia Ammos im Süden der Insel mit ihrem weißen Pudersand.Noch hat der Massentourismus Samothraki nicht entdeckt. Die wenigen Urlauber, überwiegend Griechen aus Athen und Thessaloniki, haben ihr Hotelzimmer meist in Therma Loutra gebucht, einem Dorf mit ein paar kleinen Hotels und Tavernen an der Nordküste Samothrakis -dort, wo vulkanische Schwefelquellen aus der Erde sprudeln und kristallklare Gebirgsbäche in einen natürlichen Felsenpool stürzen, senkrecht über hohe Granitwände hinweg.Die meisten Besucher allerdings bleiben lieber gleich in Kamariotissa, um ja nicht die Fähre zu verpassen, die sie am Nachmittag wieder zurück bringen wird auf das Festland. Bunte, dickbäuchige Kaikis, die traditionellen griechischen Motorsegler, dümpeln an der Kaimauer, dahinter, an der kurzen Hafenpromenade, du-cken sich alte Cafés -Kafenions genannt -und Restaurants mit blau-weiß karierten Tischdecken in den Schatten einer Platanenreihe. Fischer dösen vor den Tavernen in der Sonne. Sie lassen die Komboloi, die unerlässliche Perlenkette stoischer Selbstzufriedenheit, gelangweilt durch die Finger gleiten und schauen auf das Meer hinaus, das jetzt wie blauer Brokat schimmert -überzogen von einem Netz aus silbern glitzernden Wellen. Der Pappbecher mit dem Frappé ist leer getrunken, die knappen Gespräche über die wenigen Inselneuheiten längst verstummt. Beinahe könnte man die "mürrische Gleichgültigkeit" verstehen, die der Dichter Lawrence Durrell angesichts dieser Insel empfand.In Kamariotissa bin ich mit Dimitri verabredet, dem einzigen Fremdenführer der Insel. Doch Dimitri lässt sich nicht blicken -er sei, so erfahre ich, auf einer Beerdigung. Immerhin hat er Costas geschickt. Costas fährt Mercedes und spricht deutsch mit schwäbischem Akzent. Zwanzig Jahre lang, so erzählt er, habe er in Mannheim gelebt. Jetzt ist er zurückgekommen, um auf Samothraki ein kleines Hotel zu übernehmen. Das liegt nur einen kurzen Spaziergang von der antiken Ruinenstadt der "großen Götter" entfernt und gleich neben der Straße, die sich in Serpentinen hinauf schraubt nach Chora.Chora wird bewacht von einem Festungsturm aus genuesischer Zeit, und einem mächtigen Felsen, der den Ort zur Seeseite hin vor Blicken verbirgt -eine Schutzmaßnahme aus Zeiten, als die Einwohner noch in ständiger Angst vor türkischen Eroberern und Piraten lebten. Hinter diesem Sichtschutz öffnet sich der Ort wie das Halbrund eines Amphitheaters. Eng pressen sich die bunten Würfelhäuser mit ihren blauen Holzbalkonen und roten Ziegeldächern an den Bergrücken des Volakas-Gebirges.Den Nachmittag verträumenDer Ort scheint den Katzen zu gehören. Sie schleichen über die Treppenpfade und dösen im Schatten der Hibiskus- und Oleanderbüsche. Die Luft ist erfüllt von Myrtenduft und dem Gesang der Lerchen. Am liebsten würde man den ganzen Nachmittag in Ossipis Taverne an der Platia verträumen, mit den Männern Tavli spielen und den Eidechsen zuschauen, die zwischen den Steinen hin und her huschen. Doch wenn sich die Sonne im Westen neigt, wird es Zeit, die Ausgrabungsstätte von Paläopolis aufzusuchen, die in einem schmalen Felsental liegt, nur fünfhundert Meter vom Meer entfernt.Ende des 19. Jahrhunderts hatten erstmals Archäologen die Stätte durchforscht. In einer Felsnische, verborgen unter dem Schutt von Jahrtausenden, entdeckten sie eines der größten Meisterwerke antiker Bildhauerkunst -die Statue einer geflügelten Siegesgöttin. Als "Nike von Samothraki" schwebt sie heute im Pariser Louvre -schön und anmutig, aber kopflos. Den, so die Legende, verwahrt Poseidon auf dem Meeresgrund: als Faustpfand gegen die Griechen, die Troja zerstörten. Erst wenn er ihn freigibt, so erzählen die Einwohner Samothrakis, soll auch der Rumpf der geflügelten Göttin auf ihre Insel zurückkehren.------------------------------ServiceAllgemeines: Die nordägäische Insel besitzt zwar viele schöne Strände, ist aber kein Ziel für einen reinen Badeurlaub, sondern eher etwas für Individualisten -für Wanderer und Naturliebhaber.Anreise: Am besten über Athen (Flugverbindung mit Olympic Airways nach Alexandroupolis ca. 40 Minuten) oder über Thessaloniki (von dort täglich Busverbindungen nach Alexandroupolis, Fahrzeit ca. 3 Stunden). Vom Hafen in Alexandroupolis besteht zweimal täglich eine Schiffsverbindung nach Samothraki (Fahrzeit ca. 2 Stunden).Unterkunft: Im Hafenort Kamariotissa gibt es mehrere einfache Hotels und Privatpensionen (Preis pro Übernachtung ab ca. 30 Euro).Informationen: Bei der Griechischen Zentrale für Fremden-verkehr (GZF), Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt, Tel. 069/23 65-61 oder -63, E-Mail: info@gzf-eot.dewww.gntogr------------------------------Karte------------------------------Foto (2) :Der Berg Fengari, auch Sáos genannt. Von dessen Gipfel aus soll Poseidon einst die Schlacht um Troja beobachtet haben.Blick auf das Hieron im Kabirenheiligtum.