Noch ist unklar, warum das russische Atom-U-Boot "Kursk" im Nordmeer gesunken ist. Fest steht aber schon, dass die Havarie für Putins Militärpolitik einen Rückschlag bedeutet. Umweltschützer warnen unterdessen vor einer Verseuchung der Barentssee.: Der Stolz der ganzen Nation, tief gesunken

MOSKAU, 15. August. Russische Politiker und russische Menschen lieben große Worte, besonders seit die Ära des oft gefährlich schwankenden und siechen Präsidenten Boris Jelzin durch das Zeitalter seines strammen Nachfolgers Wladimir Putin abgelöst wurde. "Die Flotte war und bleibt ein Symbol für die Stärke des russischen Staates und eine Säule seiner Verteidigungsfähigkeit", intonierte Putin noch im Frühjahr bei einem Besuch der Nordmeerflotte. Dann schiffte sich der frisch gewählte Präsident auf einem der atomgetriebenen Unterseekreuzer ein. Nach Putins Kampfjetflug ins umkämpfte Tschetschenien feierten die Medien ihren Präsidenten ein zweites Mal als "echten Kerl". Um so besorgter dürfte der russische Oberbefehlshaber nun von seinem Urlaubsort Sotschi am Schwarzen Meer aus das Drama in der gut 2 000 Kilometer nördlich gelegenen Barentssee verfolgen. Eines der modernsten Schiffe der Flotte, die 1995 in Dienst gestellte "Kursk", sank bei einer Manöverfahrt - Ursache bisher unbekannt. Der jämmerliche Zustand eines großen Teils der russischen Flotte ist kein Geheimnis. Doch dass nun ausgerechnet eines der modernsten Flaggschiffe frühzeitig einen irregulären Schiffsfriedhof aufsucht, schockt die Nation. Gerade das lange Zeit unterfinanzierte Militär hat Wladimir Putin gleich am Beginn seiner Amtszeit zum Rettungsanker russischen Großmachtbewusstseins erklärt. Seit Beginn der 90er-Jahre befinden sich die gesamten Streitkräfte in einer tiefen Krise, doch die Flotte hatte es am stärksten getroffen. Investitionen in Schiffe, Waffen, Ausbildung und Instandhaltung wurden minimiert. Ihren Sold erhielten die Soldaten und Offiziere unregelmäßig. Statt in den Weltmeeren zu patrouillieren, rosten die meisten russischen Schiffe in ihren Heimathäfen vor sich hin. In einem Bericht der Admiralität heißt es, allein in den vergangenen zehn Jahren seien rund 1 000 Schiffe außer Dienst gestellt worden. Wenn die Entwicklung anhalte, dann werde Russland im Jahr 2016 nur noch über 60 einsatzfähige Schiffe verfügen, schlug Flottenchef Admiral Wladimir Kurojedow im Juni Alarm.Die Probleme betreffen auch die strategisch wichtige Atom-U-Boot-Armada. 1990 hatte die Sowjetflotte 62 mit Atomraketen bestückte Unterseeboote im Dienst, Mitte dieses Jahres sind es bei ihrer russischen Nachfolgerin noch 18. Doch auch diese Zahl täuscht. Nach internen Flotteninformationen ist gegenwärtig in den vier russischen Flottenteilen im Norden, in der Ostsee, im Schwarzen Meer und im Pazifik jeweils nur ein strategisches Atom-U-Boot tatsächlich kampfbereit.Gleichzeitig streitet die Militärführung um den Weg aus der Krise. Generalstabschef Anatolij Kwaschnin hatte jüngst für eine Reduzierung der Atombewaffnung auf 1 200 Sprengköpfe geworben. Die zentrale Steuerung der Atomstreitmacht müsse aufgelöst und die Raketen den Teilstreitkräften unterstellt werden. Nur dadurch, so Kwaschnin, könne die dringend notwendige Armee-Reform finanziert werden. Diese Thesen Kwaschnins trafen auf heftigen Widerstand von Verteidigungsminister Igor Sergejew. Die Raketenstreitkräfte seien das Rückgrat der Verteidigungsfähigkeit des Landes, argumentierte er. Dieses Rückgrat dürfe nicht mutwillig zerstört werden. Die Havarie der "Kursk" dürfte für ihn ein besonders schwerer Schlag sein.Schwieriges Andocken in Schräglage // Die "Kursk" ist ein Atom-U-Boot der so genannten Oskar-II-Klassse. Russland verfügt über sieben dieser Boote im Nordmeer, hinzu kommen vier im Pazifik.Die Länge des Schiffes beträgt 154 Meter, es ist knapp 20 Meter hoch und hat eine Wasserverdrängung von rund 18 000 Tonnen. Tiefgang: neun Meter. Das Boot verfügt über ein Lufterneuerungssystem, das ohne Strom funktioniert, und vermutlich über mehrere wasserdichte Schotten.Die Besatzung der U-Boote der Oskar-II-Klasse umfasst bis zu 130 Mann, auf der "Kursk" befinden sich 116 Soldaten.24 Atomsprengköpfe und vier Torpedos können von dem Kriegsschiff mitgeführt und abgefeuert werden.Angetrieben wird das U-Boot von zwei Druckwasserreaktoren mit einer Leistung von je 190 Megawatt. Sie entwickeln eine Stärke von zweimal 50 000 PS.AP/NORWEGIAN NAVY/SCANPIX Schiff der russischen Marine mit der roten Rettungskapsel an Deck. Die Kapsel, die an das gesunkene U-Boot andocken soll, kann bis zu 20 Passagiere aufnehmen.Für eine erste, mehrstündige Rettungsaktion wird zunächst ein Versorgungskabel am gesunkenen Atom-U-Boot angebracht (1). Dann soll die Rettungskapsel herabgelassen werden (2).BLZ/BRAUN Die Kapsel dockt an der Ausstiegssluke an (3), was durch die Schräglage der "Kursk" erschwert wird. Dann soll Wasser abgepumpt und die Mannschaft in Gruppen gerettet werden (4).