CHARLOTTENBURG. Wer täglich über die Straße des 17. Juni fährt und das mit Planen verhangene Charlottenburger Tor passiert, wird sich vielleicht fragen, ob dort gearbeitet wird: Rund um das Tor sind weder Bauarbeiter noch Maschinen zu sehen, und ein Blick durch die transparente Folie zeigt, dass auch dahinter niemand hin und her läuft. Angesichts von so viel scheinbarem Stillstand stellt sich die Frage, ob das Gerüst nur für eine gigantisch große Werbefläche errichtet wurde. Nein, sagt Helmut Engel, der Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftung Denkmalschutz Berlin, die die Sanierung des Tores ermöglicht. Die Arbeiten ähnelten denen kurz vor einer Operation: "Es wird eine ausführliche Bestandsaufnahme gemacht und die Krankheit analysiert." Dass das Charlottenburger Tor dringend "operiert" werden muss, ist unbestritten. Bereits vor anderthalb Jahren hatte der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf den Weg um das kolonnadenartige Bauwerk sperren lassen, weil bis zu sechs Kilogramm schwere Brocken herabzustürzen drohten. Der weiche Tuffstein, aus dem das Tor vor fast 100 Jahren gefertigt wurde, ist stark beschädigt. Wie stark genau, wird derzeit ermittelt. Dabei wird jeder einzelne Stein untersucht und die Torhälften zugleich mit einem Spezialverfahren vermessen - von zwei Mitarbeitern per Hand. "Auf diese Weise bekommen wir etwa 20 Millionen Messpunkte, aus denen dann ein 3-D-Modell gefertigt wird", sagt Michael Pauseback, Geschäftsführer Firma Caro Restaurierung und Technologie GmbH, die mit den Arbeiten vor Ort betraut wurde. Erst anhand dieses Modells, das bis auf 0,1 Milimeter genau ist, könnten die Schäden analysiert werden. "Allein das Erstellen der Pläne dauert drei Monate", sagt Pauseback. Parallel dazu müssten die physikalischen und chemischen Werte der Steine ermittelt werden. "Die Arbeiten der Steinmetze gehen deshalb erst im Frühjahr los." Dass das Baugerüst schon jetzt steht, hat mehrere Ursachen. Zum einen ermöglicht es den Restauratoren, das Tor zu untersuchen und zu vermessen. Zum anderen werben auf den großen Planen jene Sponsoren, die die Kosten für die Sanierung tragen. Die Konstruktion quer über die Straße des 17. Juni erfüllt aber noch weitere Funktionen. "Die Gerüste um die Torhälften sind weder im Boden verankert noch im Tor selbst", sagt der Caro-Geschäftsführer. Der Querrigel über die Straße halte beide Gerüste. Außerdem verlaufen innerhalb dieses Riegels Wege für die Bauarbeiter, die ansonsten die Straße des 17. Juni kreuzen müssten, um von einer Torhälfte zur anderen zu gelangen. Und noch etwas bewirkt das Gerüst samt Plane: Das Tor wird vor Niederschlag geschützt und kann erstmals nach Jahren so richtig austrocknen. Anders als geplant wird hinter der Werbefläche jedoch nicht die Baustelleneinrichtung untergebracht. "Die Statiker haben noch einmal nachgerechnet und festgestellt, dass die Baustelleneinrichtung zu schwer wäre", sagt Engel. Doch auch so muss das hohe Gerüst einiges aushalten: Die Straße des 17. Juni ist eine Windachse, und bei starkem Wind drücken schon mal 2,5 bis 3 Tonnen Gewicht auf einen Quadratmeter Plane.------------------------------Die letzte Sanierung liegt 40 Jahre zurück // Erbaut: Das Charlottenburger Tor wurde 1907- 1908 als Pendant zum Brandenburger Tor errichtet und markierte den Eingang zu Charlottenburg - der damals reich-sten Stadt Preußens. Verschoben: Im Zuge des Ausbaus der Ost-West-Achse zur Via Triumphalis ließen die Nationalsozialisten die Torhälften 1937 auseinander rücken. Seitdem beträgt der Abstand der Torhälften etwa 30 Meter. Ausgebessert: Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurde das Tor nach Kriegsende notdürftig ausgebessert und in den 60er-Jahren restauriert. Um den Stein zu festigen, wurde das Tor 1987 zusätzlich mit einer Spezialflüssigkeit präpariert. Eingerüstet: Seit August 2004 ist das Tor eingerüstet. Es soll bis Ende 2007 komplett restauriert werden. Die Kosten betragen etwa 1,8 Millionen Euro.------------------------------Foto: Das Charlottenburger Tor wird saniert.