Noch testen kleine Fische die Qualität des Berliner Wassers - bald sollen Krebse diese Arbeit machen: Rettung für die Moderlieschen

In den drei großen Wasserwerken, die das Berliner Wasser an die Haushalte der Stadt weiterleiten, arbeiten zurzeit nicht nur Menschen, sondern auch Tiere: 36 Moderlieschen, nur wenige Zentimeter große Fische, testen seit zwei Jahren die Qualität des Trinkwassers. Um Geschmack geht es dabei allerdings nicht: Die Moderlieschen, die sehr sensibel auf Wasserveränderungen reagieren, ergänzen die Messinstrumente, die physikalische und chemische Eigenschaften des Wassers messen - Temperatur und PH-Wert zum Beispiel."Das Berliner Wasser ist eines der am besten untersuchten Wasser weltweit", sagt Jens Feddern, Leiter Wasserversorgung bei den Berliner Wasserbetrieben. 30 000 Proben würden jedes Jahr genommen und untersucht. Allerdings, so Feddern, gebe es Messungen, deren Ergebnis erst nach 24 oder gar 48 Stunden feststeht - beispielsweise, wenn Keime nachgewiesen werden sollen. "Nach so langer Zeit ist das Wasser natürlich längst von den Berlinern verbraucht", sagt Feddern. Im Falle eines terroristischen Anschlages oder bei Verunreinigungen aus dem Grundwasser müsse sofort reagiert werden können. Dafür gibt es die Moderlieschen. Sie leben in kleinen Aquarien, durch die ein wenig Trinkwasser hindurchgeleitet wird. "Die Fische werden ständig von Kameras überwacht. Verändern sich bestimmte Parameter des Wassers, verändern sie auch ihren Schwimmstil - sie schwimmen höher oder niedriger als sonst", sagt der Wasserexperte.Doch der Einsatz der golden schimmernden Fischchen ist zeitlich befristet. "Das Ganze gilt als Tierversuch und musste von den Behörden genehmigt werden", sagt Feddern. Zoologen und Biologen überwachen deshalb den Einsatz der Fische, auch das Landesamt für Gesundheit und Soziales wurde eingeschaltet und eine Ethikkommission angehört. Und da die Moderlieschen auf der Liste der bedrohten Tierarten stehen, wurde ihr Einsatz lediglich für die Dauer von drei Jahren genehmigt. Gut anderthalb Jahre bleiben noch.Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut und einem Hersteller von Testgeräten suchen die Berliner Wasserbetriebe nun nach neuen Wassertestern. Fündig wurden sie bei so genannten Daphnien, einer winzigkleinen Krebstierart, die wie Wasserflöhe aussehen und über "Mundwerkzeuge" verfügen.Kein Fall fürs TierschutzgesetzDiese reagieren ebenso sensibel auf Wasserveränderungen wie die Moderlieschen, verfügen aber nicht über ein zentrales Nervensystem. "Damit fallen sie auch nicht unter das Tierschutzgesetz", sagt Jens Feddern. Die Daphnien, die nur einen bis fünf Millimeter groß werden und permanent Wasser filtern, werden bereits seit mehr als 30 Jahren zu Wasserkontrollen eingesetzt. Dabei werden die Bewegungen der Krebstiere vollautomatisch untersucht. Sinkt ihre Aktivität unter einen bestimmten Wert, wird Alarm ausgelöst. "Daphnien haben einen sehr kleinen Aktionsradius", sagt Feddern, das mache eine Überwachung leicht. Acht bis zwölf Krebstierchen, so schätzt er, würden pro Wasserwerk reichen.Unterstützung sollen die Krebschen von Bakterien bekommen. "Daphnien reagieren auf bestimmte Gifte nicht", sagt Feddern. Deshalb sollen auch Bakterien eingesetzt werden, die leuchten. Verändert sich das Wasser, reduziert sich ihre Leuchtkraft.Bakterien, Daphnien und Messinstrumente sollen zusammen einen sogenannten Breitbandsensor bilden, der immer dann Alarm auslöst, wenn einer oder mehrere Wasser-Parameter nicht mehr den Vorgaben entsprechen. Sollte das passieren, könne die Wasserzufuhr sofort unterbrochen werden.Doch auch unter den Moderlieschen ist das bislang noch nicht nötig gewesen. Die 36 Fischlein, die derzeit noch in den Wasserwerken herumschwimmen - das Wasser, das sie getestet haben, wird übrigens nicht an die Haushalte weiter geleitet - werden mit dem Einsatz des Breitbandsensors überflüssig. Sie können in Rente gehen und ihren Lebensabend dort verbringen, wo sie gezüchtet wurden: im Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Köpenick.------------------------------Förderung aus bis zu 170 Metern TiefeHerkunft: Das Berliner Wasser wird mit Hilfe von etwa 700 Grundwasser-Brunnen aus 30 bis 170 Metern Tiefe gefördert, dann belüftet, aufbereitet und über drei Wasserwerke in das berlinweite Netz eingespeist.Verbrauch: Etwa 550 000 bis 650 000 Kubikmeter Wasser werden jeden Tag ins Netz gepumpt. Jeder Berliner verbraucht pro Tag durchschnittlich 110 Liter Wasser.Kontrollen: 30 000 Proben werden jährlich genommen. Untersucht werden unter anderem Sauerstoffgehalt, Temperatur, Nährstoffgehalt, pH-Wert oder das Vorhandensein bestimmter Keime.Qualität: Das Berliner Wasser ist reich an Calcium und Magnesium. In einem Test unter 270 Städten mit mehr als 40 000 Einwohnern erhielt es die Note "Gut plus".------------------------------Foto: Nicht nur zum Spielen gut, sondern auch zum Trinken: Das Berliner Wasser unterliegt strengen Kontrollen. Dabei helfen zurzeit auch Fische.Foto: Daphnien sind mit bloßem Auge schwer zu erkennen. Sie werden maximal fünf Millimeter groß.Foto: Moderlieschen werden bis zu acht Zentimeter lang. Sie stehen auf der Liste gefährdeter Tierarten.