Im Zellengefängnis Lehrter Straße starb als letzter Berliner am 11. Mai 1949, um 6.30 Uhr, Berthold Wehmeyer, ein 24-jähriger Schlosser, den juristisch verordneten Tod auf der Guillotine. Von den hohen Justizvertretern, die dabei zusehen mussten, berichtete später einer, dass es nicht auf Anhieb geklappt habe. Das Messer sei wohl schon etwas stumpf gewesen. Mindestens zwölf, wahrscheinlich aber mehr als 20 Köpfe rollten noch nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Schafott in der Lehrter Straße. Nach dem Krieg war Raubmord beinahe an der Tagesordnung und die Volksseele rief nach Vergeltung Auge um Auge, Zahn um Zahn. Berthold Wehmeyer hatte mit einem Komplizen auf einer Hamsterfahrt nach Wusterhausen eine 61-jährige Frau bewusstlos geschlagen, vergewaltigt und ihr Kartoffeln, Bargeld und Lebensmittelkarten geraubt. Das Opfer fand man tot in einer Strohmiete. Das Urteil des Berliner Landesgericht vom 5. Juli 1948 lautete auf Todesstrafe wegen Mordes und fünf Jahre Zuchthaus wegen Sittlichkeitsverbrechens. Für die zweite Strafe hatte sich freilich ein Vollzug erledigt.So blieb denn auch die aus dem Dritten Reich übernommene Guillotine in Betrieb. Allerdings bedurfte jede Hinrichtung einer Genehmigung durch die Militärbehörden. In Moabit waren die Briten dafür zuständig. Am 1. Juli 1947 starb auf der gleichen Richtstatt ein 24-jähriger Student aus Riga, am 13. März 1948 ein 57-jähriger Juwelier aus Berlin, beide verurteilt vom Militärgericht der britischen Besatzungsmacht wegen Waffenbesitzes. Nicht immer ging beim Vollzug alles glatt. Am 14. Januar 1947 morgens stand eine ganze Serie von Hinrichtungen an. Eine Stromsperre verlängerte das Leben der Delinquenten um 20 Minuten. Um 8.20 Uhr musste der Mörder Helmut Käufer dran glauben, um 8.28 Uhr die Krankenschwester Helene Wieczorek, um 8.36 Uhr die Ärztin Hilde Wernicke. Die beiden Frauen waren vom Landgericht für den Tod von mehr als hundert Patienten der Nervenheilanstalt Obrawalde verantwortlich gemacht worden. Von Schuldgefühlen wurden beide nicht geplagt. Sie hatten getan, was man ihnen aufgetragen hatte - Handlangerinnen des mörderischen Euthanasieprogramms in der Zeit der Naziherrschaft. Doch was damals noch als Genugtuung empfunden wurde, geriet allmählich in Zweifel. In den drei westlichen Besatzungszonen bereitete seit 1948 der Parlamentarische Rat die Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland vor. Zur Debatte stand auch die Abschaffung der Todesstrafe. Hardliner argumentierten, die Abschaffung könnte von Besatzungsmächten als Kritik an den Urteilen im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess verstanden werden. Aber die Gegner der Blutjustiz setzten sich durch. Die Vertreter von SPD, Zentrumspartei, Deutscher Partei und KPD votierten geschlossen, die CDU etwa zur Hälfte für den Artikel 102, die FDP-Leute waren - bis auf den späteren Justizminister Thomas Dehler - strikt dagegen. Nach einer nächtlichen Schlussredaktion wurde der Artikel 102 von Konrad Adenauer am Morgen des 8. Mai 1949 verkündet. Eine populäre Entscheidung war es nicht. 74 Prozent der Deutschen sprachen sich damals noch für die Beibehaltung der Todesstrafe aus. Unter den Juristen ermittelte eine Fachzeitschrift sogar 83 Prozent Befürworter.Dem Berliner Raubmörder Wehmeyer half die Entscheidung nicht mehr. Am 7. Mai hatte das Landgericht den Termin festgelegt, den Gefängnisgeistlichen bestellt und den Bezirksbürgermeister von Tiergarten gebeten, "Lebensmittelkarten für den Verurteilten und die an der Vollstreckung beteiligten Personen bereitzustellen". Wehmeyers Gnadengesuch verlor sich in einem Vakuum. Bundesgesetze wurden in Berlin immer erst per Sonderentscheid übernommen. Nachdem am 23. Mai die Verfassung der Bundesrepublik samt Artikel 102 in Kraft getreten war, behalf man sich zunächst mit Begnadigungen zu lebenslänglichen Zuchthausstrafen, neun an der Zahl. Erst im Dezember 1951 schaffte der Magistrat West den Todesparagrafen ab.Damit aber starb in Berlin ein uraltes Handwerk, das des Henkers. Aus der Nachkriegszeit sind zwei Namen überliefert: Clemens Dobbek und Gustav Völpel. Vom ersten weiß man nur, dass er im Dienst des Magistrats stand, solange dieser noch nicht gespalten war. Er war der Mann, der die Euthanasie-Mörderinnen exekutierte. Der andere gab dabei den so genannten Beilgehilfen und arbeitete freischaffend. Eine illustre Figur, die ihrerseits in Konflikt mit dem Gesetz stand. Der Name Völpels gelangte an die Öffentlichkeit, als er wegen einer Straftat vor Gericht stand. Völpel hatte mit drei Kumpanen im November 1947 am Alexanderplatz Ehepaare überfallen und ausgeraubt. Obwohl schon Untersuchungshäftling, erschien er zur Gerichtsverhandlung mit drei Stunden Verzug und entschuldigte sich mit Zugverspätung. Die Ostberliner Behörden hatten ihm frei gegeben für einen Auftrag in Dresden. Dort habe er, so Völpel, am Morgen des 25. März 1948 drei Fälle unterm Beil gehabt: Den Euthanasiearzt Paul Nitsche, dessen Gehilfen und einen Aufseher aus dem KZ Buchenwald, Gäbler. Er, Völpel, sei nämlich Nachrichter.Zuerst herrschte im Gerichtssaal ungläubiges Staunen. Zum Beweis öffnete Völpel seinen Handkoffer und zeigte Utensilien vor, darunter die gelbschwarze Gesichtsmaske mit dem Kreuz auf der Stirn. Ein Mann der damals populären Wochenzeitschrift "Sie" will auch ein blutiges Handbeil gesehen und später von Völpels Gattin in der Gabelsbergerstraße 7, Wohnküche, erfahren haben, dass dort das Richtgerät geputzt worden sei. Aber das gehört offenbar in die Frühzeit der Medienlegenden. Im Gefängnis am Münchner Platz in Dresden stand seit Jahrzehnten eine Guillotine.Der Presse erzählte der gelernte Lichtpauser aus Westpreußen eine Rühr- und Heldengeschichte. Dass er in der Hitlerzeit selbst zum Tode verurteilt worden sei, in einem Strafbataillon überlebt und 1945 keinen anderen Job gefunden habe. Jede Hinrichtung, so prahlte er in seiner Stammkneipe "Zur Münze" am Alexanderplatz, die damals von Schiebern, Hehlern und Nutten besetzt war, bekäme er im Osten mit 1 000 Mark, im Westen mit 250 Mark vergolten. 38 Exekutionen habe er seit Kriegsende auf dem Konto. Ohne Raubüberfälle kam er mit dem Geld trotzdem nicht hin. Im April 1949 fasste ihn die Polizei bei einem schweren Bruch in Neukölln. Und ein Jahr später, im Prozess gegen die berüchtigte Gladow-Bande, stellte sich heraus, dass sich unter den Tippgebern für die Raubüberfälle Frau Martha Völpel befand. Henkerhannes, so sein Spitzname in einschlägigen Kreisen, wanderte für sieben Jahre ins Zuchthaus. Er starb 1959 völlig verarmt im Urban-Krankenhaus.Überlebt hat die Berliner Guillotine. Und um das Tötungsgerät woben sich Legenden. Noch in den achtziger Jahren behauptete eine Zeitung, Napoleon habe die Guillotine einst mitgebracht, ein Erbstück von den Roten Messen der Jakobinerzeit in Paris, auf dem schon Danton und Robespierre gestorben seien. Richtig ist wahrscheinlich, dass das Moabiter Messer in der Schlosserei und Härterei der Strafanstalt Tegel angefertigt worden war, ein Auftrag von Hitler persönlich, der nach seinem Machtantritt das Handbeil bald nicht mehr für ausreichend ansah und 30 Guillotinen verlangte. Das Moabiter Gerät war transportabel und wurde bald auch in die Sowjetische Besatzungszone ausgeliehen. In den Akten des Berliner Landesarchivs ist unter dem Datum 17. November 1947 ein Brief des Generalstaatsanwalts beim Kammergericht an den Direktor des Gefängnisses in der Lehrter Straße abgelegt, in dem geschrieben steht: "Ich bitte, das dortige Fallbeilgerät an das Zuchthaus in Coswig/Halle kurzfristig auszuleihen. Das Gerät ist ordnungsgemäß in Kisten verpackt durch die Fahrbereitschaft bei dem Untersuchungsgefängnis so rechtzeitig nach Coswig zu befördern, dass es am 8. Dezember in den Mittagsstunden dort eintrifft. Der Rücktransport hat durch denselben Lkw zu erfolgen." Am 3. Dezember wird umdisponiert: "Der Termin entfällt infolge der Aufhebung des Urteils. Anstelle des Transports nach Coswig tritt ein Transport des Fallbeilgeräts nach Zwickau." Nach der Hinrichtung Wehmeyers trat die letzte Berliner Guillotine in eine Art Vorruhestand. Demontiert und in Ölpapier verpackt verbrachten Messer, Laufschienen, Lederriemen, die hölzerne Halskrause und die anderen Einzelteile vier stille Jahrzehnte hinter der Stahltür Nr. 013 im Keller der Untersuchungshaftanstalt Moabit - als Reserve für den Fall, dass jemand in Berlin sich in den Besitz von schweren Kriegswaffen brächte oder schwere Sabotageakte gegen Angehörige oder Einrichtungen der drei westlichen Alliierten unternähme, in deren Ländern die Todesstrafe damals noch galt. Das war im Kontrollratsgesetz Nr. 43 vom 20. Dezember 1946 und in der Verordnung Nr. 511 vom 15. Oktober 1951 festgeschrieben und galt fast bis zum Fall der Mauer. Erst am 14. März 1989 verfügte die Alliierte Kommandantur eine Aufhebung beider Vorschriften.Damit geriet die letzte Berliner Guillotine auf die Wunschliste von Museumsdirektoren und Schnäppchenjägern. Ein Präzisionsmaschinenexperte aus Schwaben bot an, das Schauerstück auf einer Wanderausstellung zu zeigen und dafür der Berliner Landeskasse jährlich 30 000 bis 50 000 Mark zu überweisen. Möglicherweise wurde er auch von landsmännischer Sentimentalität getrieben. Denn ein Schwabe, der Klavierbauer Tobias Schmidt, ist es gewesen, dem einst in Paris die Konstruktion der Köpfmaschine einfiel. Ihren Namen bekam sie dann von dem Arzt Joseph-Ignace Guillotin, der die Idee während der Französischen Revolution dem Parlament nahe brachte. Mit dem Argument, der Delinquent verspüre, wenn er so seines Kopfes verlustig ginge, "höchstens einen kühlen Hauch" und wahrscheinlich sogar "ein gewisses Lustgefühl". Die Berliner Behörden, so klamm sie schon am Ende der achtziger Jahre waren, wiesen den Vermarktungsvorschlag des Schwaben zurück. Das Gruselstück ging über in den Besitz des Deutschen Historischen Museums und von dort wurde es weitergereicht als Dauerleihgabe an das Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg, versehen mit einer genauen musealen Beschreibung: "2 Holzböcke und ein Auflegebrett mit Ablaufrinne durch eiserne Auflagenstütze miteinander verbunden. An den vorderen Bock ist ein Rahmen angeschraubt. Im Rahmen läuft der Schlitten, der mit Hilfe der seitl. angebrachten Kurbel nach oben gezogen werden kann. An der gegenüberliegenden Seite eine Stange als Auslöser. In der Mitte des Rahmens 2 Halsbretter. Dort am Rahmen auch Hängevorr. für Spritzschutz und Ablaufbleche. Nach vorne ragend 2 gelochte Holme, in die der lederne Stirnriemen befestigt ist. Unter ihm gebogenes Ablaufblech. Seitlich, unter der Auslösestange Spritzschutzblech."Auf diese Weise gelangte das "Gerät zur Enthauptung von Menschen" doch noch nach Schwaben. Dienstags bis freitags und fonntags kann man es in Ludwigsburg besichtigen. Das Museum verbürgt sich, dass alles gut gesichert ist durch ein Gitter im Eingangsbereich und eine Kette. Auch ist das Beil nicht ganz aufgezogen, sondern der besseren Einsicht wegen ein Stück heruntergelassen und fallsicher blockiert. Probeliegen fürs Familienalbum ist dem Besucher dennoch nicht erlaubt.