Nonnen treten heute selbstbewußt ins Kloster ein / Eltern empfinden diesen Schritt oft als großen Verlust: "Wenn du dich als Opfer fühlst, kannst du wieder gehen!"

In Deutschland leben derzeit fast 40 000 Schwestern in etwa 300 katholischen Frauenorden. Sie haben sich selbstbewußt für dieses Leben entschieden und sind nicht - wie in früheren Zeiten oft üblich - dazu gedrängt worden.Nonnen im strengen Sinne sind nur Benediktinerinnen, Karmeliterinnen, Zisterzienserinnen oder Trapistinnen. Diesen sogenannten kontemplativen Orden gehören etwa 2 000 Frauen an. "Sie leben in Klausur, das heißt sie arbeiten nicht außerhalb des Klosters und konzentrieren sich ganz auf das Gebet", erklärt Christiane Boeck in ihrem Buch "Selbstbewußt im Kloster".Die Mehrheit der Schwestern sind jedoch sogenannte tätige oder apostolische Schwestern. Sie gehören verschiedenen Gemeinschaften oder Säkularinstituten an und üben verschiedene Tätigkeiten - vor allem im sozialen Bereich - aus. Während der Eintritt ins Kloster früher für Frauen häufig die einzige Möglichkeit war, versorgt zu werden, einer unerwünschten Heirat zu entgehen, wissenschaftlich oder künstlerisch zu arbeiten, muß heute keine Frau mehr aus diesen Gründen den Schleier nehmen. Auch die Familie empfindet es nicht mehr als besondere Ehre, wenn eine Tochter Nonne wird. Im Gegenteil: "Für meinen Vater war mein Ordenseintritt wie ein Weltuntergang", erinnert sich die Karmeliterin Waltraud Herbstrith.Selbst gläubige Eltern nehmen den Schritt ihrer Tochter oft sehr schwer; die Franziskanerin Adelheide mußte sogar versprechen, nicht ins Kloster zu gehen, solange Mutter und Großmutter leben.Immerhin 153 Frauen traten 1993 in ein Kloster ein, 72 von ihnen in kontemplative Kloster. Warum sie dies tun, können die meisten Menschen nicht verstehen. "Sie hat wohl eine unglückliche Liebe, sonst geht ein so hübsches Mädchen nicht ins Kloster", vermutete der Onkel von Waltraud Herbstrith. Auch Flucht vor der Welt, vor Schwierigkeiten mit sich selbst und anderen wird Frauen, die Nonne werden wollen, oft unterstellt. Doch diese Gründe sollten als Motive für einen Klostereintritt ausscheiden, erklärt die Autorin. Sie hat zwölf Nonnen aus verschiedenen Orden und Gemeinschaften befragt.Sie sind - entgegen der weitverbreiteten Ansicht - keine frömmelnden, (welt-)fremden, demütigen und frustrierten Wesen, die nur Arbeit und Gebet kennen und ein monotones Leben hinter Klostermauern führen, weil sie keinen Mann abbekommen haben. Mit der offiziellen Kirche sind sie keineswegs immer einer Meinung. Auch das Klischee, daß sie ihr Leben opfern, stimmt nicht. "Wenn du dich als Opfer fühlst, kannst du wieder gehen. Opfer brauchen wir keine", bekam Maria Christina nach ihrem Eintritt ins Kloster von ihrer Ausbilderin zu hören. Der Werdegang ist so unterschiedlich, wie die Frauen selbst: So war Zisterzienserin Gabriele schon als Kind fromm, die Franziskanerin Monika wollte bereits als Kommunionskind Nonne werden. Andere waren früher nicht religiös. "Ich habe Gott nie gesucht - er hat mich gefunden", erzählt die durch Fernsehauftritte bekannte Nonne Teresa der Autorin. Ähnlich äußern sich viele ihrer "Kolleginnen".Bevor sie in ein Kloster eintreten, leben die künftigen Nonnen zunächst eine Zeitlang als Postulantin dort, um das Leben in der Gemeinschaft kennenzulernen. In dieser Zeit prüfen beide Seiten, ob eine Aufnahme als Novizin in Frage kommt. Das Noviziat beginnt mit der Einkleidung. Die ersten Gelübde gelten nur für eine bestimmte Zeit. Erst nach fünf bis neun Jahren wird das ewige Gelübde abgelegt.In den ersten Jahren verläßt etwa ein Drittel der interessierten Frauen das Kloster wieder. Diejenigen, die bleiben, entscheiden sich bewußt für diese Lebensform. Eine heile Welt erwartet sie im Kloster jedoch nicht. "Das Gemeinschaftsleben im Kloster hat seine eigenen Reize und Schwierigkeiten", erklärt Isa Vermehren, die seit 43 Jahren im Orden lebt. Am wenigsten entspricht Teresa dem Klischee von der angepaßten, braven Betschwester: Sie fährt Skateboard, spielt Fußball, geht in Kneipen und trinkt Bier. Teresa hat ihren Orden verlassen; sie lebt jetzt in einer neuen Gemeinschaft. Nonne ist sie jedoch geblieben, das Ordensleben stellt sie ebensowenig in Frage wie die Nonnen, die in ihrem Orden geblieben sind.Es gebe viele Wege, zu Gott zu kommen. Den Eintritt ins Kloster hat keine der befragten Nonnen bereut. Das Leben im Kloster, so meinen sie, habe ihnen geholfen, ihre Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln. "Es ist meine freie Entscheidung, ich könnte ja auch anders leben", betont Maria Christina. Christiane Boeck: Selbstbewußt im Kloster. Nonnen sprechen über ihr Leben. Kösel Verlag, München 1996, 328 Seiten, 26,80 Mark. +++