Norbert Podewin hat das Leben von "Ebert und Ebert" beschrieben: Wer war der Mann mit der roten Fahne?

Das Buch von Norbert Podewin "Ebert und Ebert" hat seine Grundlage in einer glänzenden Idee, der Idee, Vater und Sohn Ebert biografisch zu untersuchen und ihr Leben mit- und gegeneinander zu stellen. Es geht um die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Brechung von zwei politisch Handelnden, von Personen mit ihren Niederlagen und Siegen, die an verantwortlicher Stelle die Politik des 20. Jahrhunderts in Deutschland mitgestaltet haben. Die Idee ist so glänzend wie nahe liegend, dass man sich fragt, warum man nicht schon früher darauf gekommen ist.Podewin kann sich auf ein umfangreiches Archivmaterial und bei Friedrich Ebert (Vater) auf eine ebenso breite Literatur stützen. Das Wirken des Reichspräsidenten Friedrich Ebert ist gründlich erforscht, dokumentiert und nach vielen Seiten hin bewertet worden. Anders bei seinem Sohn, hier war Forschungsarbeit in den Archiven zu leisten. Allerdings konnte der Autor sich dabei auf seine eigenen Lebenserinnerungen stützen, denn er war von 1970 bis 1975 der außenpolitische Referent von Fritz Ebert; stand also einer der Personen sehr nahe und konnte sie aus dem Umfeld heraus beobachten und bewerten.Auf knapp 600 Seiten erfährt der Leser die Lebensgeschichte beider Männer, jedem sind etwa 300 Seiten gewidmet. Die wichtigsten Stationen des Lebens werden behandelt, Einschnitte in den Lebensbewegungen genau benannt und durch den Autor bewertet. In der Biografie des Vaters werden Motivstrukturen benannt und bewertet, die Angriffe seiner politischen Gegner sehr detailliert behandelt. Neues Material wird hier kaum herausgearbeitet, das war auch nicht zu erwarten. Dafür treten stark die wertenden Töne hervor, die als kritisch zu benennen sind. Hier vergisst der Autor mehr als einmal seine Pflicht als Historiker, zu erzählen und abgewogen zu werten. Man spürt dies etwa in der Bewertung der Reichskonferenz der Sozialdemokraten vom September 1916: "Was nun existierte, war eine andere, eine gewendete Sozialdemokratie, die weitgehend angekommen war in einem System, in dem sich die Sozialdemokraten als Mitgestalter, keinesfalls jedoch als Zerstörer ansahen. Wer als Parteimitglied künftig auf Revolution statt Reform setzte, musste sich eine andere politische Heimat suchen." Podewin bereitet damit gestalterisch die Gründung der KPD vor, aber seine Bewertung des Vorgangs ist eine politische und weniger eine historische.Anderen Sichtweisen z. B. bei der Behandlung des Scheiterns der Sozialisierungspolitik der Jahre nach der Revolution kann man folgen, denn sie zeigen den Reichspräsidenten in der komplizierten Situation der Macht, als er nicht nur einer parteipolitischen Linie folgen musste, sondern auch die politischen Gegenkräfte zu berücksichtigen hatte. Ebert hatte sich nach dem Bruch mit dem Kaiserreich für Kontinuität entschieden. Er wollte den parlamentarischen Weg gehen und die Interessengegensätze im Parlament austragen, wobei er damit letztlich scheiterte. Er ging sogar so weit, die Wilhelmstraße, die im Kaiserreich die Straße der Macht Preußens und des Deutschen Reiches gewesen war, als Regierungssitz wieder zu beziehen, also die politischen Organe der Republik am alten Ort sich einrichten zu lassen leider auch mit einer großzügigen Übernahme der Parteigänger kaiserlicher Politik. Ebert wollte keine Revolution, wollte nicht den Weg Sowjetrusslands gehen. Diese Motivstruktur bleibt bei Podewin, bei aller Sachlichkeit in der Ausbreitung des Materials, eigenartig schwach. Die Kritik, die notwendig vorgetragen werden muss, ist zu eng auf das nicht verwirklichte Sozialismusmodell der Sozialdemokratie aus der Zeit vor 1914 gerichtet und weniger darauf, welche Aufgaben sich der jungen Republik stellte.Leicht wird man dagegen Podewins Analyse der politischen Angriffe auf Ebert folgen. Hier wird deutlich, welcher Aggressivität der Reichspräsident aus den Kreisen seiner Gegner ausgesetzt war, wie dies auf seine Persönlichkeit wirkte und das vor allem ist wichtig wie wenig die Republik ihren "ersten Mann" schützen konnte und wollte.Der zweite Teil des Buches ist dem Lebensweg von Friedrich Ebert jr. gewidmet, der, um Namensverwechselungen mit seinem Vater auszuschließen, Fritz genannt wurde. Die Erzählung setzt bei den Beisetzungsfeierlichkeiten für den Vater im Jahre 1925 in Heidelberg ein. Es folgt die Darstellung des Lebensweges und der Tätigkeit als Parlamentarier im Reichstag und in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Hier erfährt der Leser sehr viel Neues unter anderem über die Konfrontation zwischen Ebert und Walter Ulbricht im Reichstag 1932. Leider wird zu knapp bewertet, dass beide hinterher diese Tatsache verdrängt haben. Hier zeigt sich ein Punkt, der beim Leser Ratlosigkeit erzeugt. Ulbricht hatte im Reichstag Ebert als SPD-Abgeordnetem Käuflichkeit vorgeworfen. Eine unvorstellbare Beleidigung. Warum haben beide hinterher nicht darüber reflektiert? Wie sah Fritz Ebert dies, als er in das Zentralkomitee der SED und dann in den Staatsrat aufgestiegen war? Sah er Ulbrichts Äußerung nur als eine Rüpelei im politischen Alltagskampf, oder war da doch mehr?Gradlinig erzählt Podewin die Lebensgeschichte Fritz Eberts, sein Wirken in der SPD und später in der SED, seine Haft im Konzentrationslager, das Leben in der Nazi-Zeit, seine Tätigkeit als Oberbürgermeister von Berlin, im Staatsrat der DDR sowie seine Zurückgezogenheit am Lebensabend. Hier erfährt der Leser wiederum viel Neues, und das ist gut erzählt. Man spürt aber, dass der Autor doch zu dicht an seinem Helden gelebt hat. Es ist vieles recht subjektiv behandelt. Es bleiben eine Fülle von Fragen. Zum einen: Wie verstand sich Fritz Ebert als ehemaliger führender Sozialdemokrat? Hier wäre die Behandlung der persönlichen Motivstruktur, die Reflexion darauf, ob sich dieser Weg der Abgrenzung vom Lebensweg des Vaters rechtfertigen ließ, ob seine Hoffnungen und Überlegungen aufgegangen sind oder nicht. Fritz Ebert hat keine eigenen Erinnerungen hinterlassen, möglicherweise vorhandene Notizen hat der Autor nicht einsehen können. Doch umso mehr Verantwortung lag bei ihm. Spät widmet sich Podewin derartigen Überlegungen, aber sie bleiben in der Beschreibung, im Ansatz stecken.Zum Zweiten: Lebensbilder von Politikern der DDR bleiben merkwürdig diffus. So wie die Gesichter auf Fotos scheint auch ihr Lebenslauf gewesen zu sein. Unpersönlich, korrekt, nur politische Höhen und Tiefen, aber eben doch alles sehr geradlinig. Auch Podewin gelingt es nicht, seinen Helden Fritz Ebert zu einem blutvollen, plastisch dargestellten Helden zu machen. Es gibt da eine Szene aus dem Alltag. In der Wilhelm-Pieck-Schule wird irgendwann Ende der sechziger Jahre bei einem Appell zu Beginn des neuen Schuljahrs eine Reihe von Schülern für irgendetwas mit einer Urkunde ausgezeichnet. Dabei wird dann auch der Schüler mit dem Namen Friedrich Ebert aufgerufen. Ein unterdrücktes Lachen, denn man konnte sich keinen Friedrich Ebert egal ob der Reichspräsident oder SED-Politiker gemeint war als Schüler vorstellen. Eine kleine Episode. Aber so fragt der Leser, warum blieb der Vorname Friedrich in der Familie Ebert Tradition? Was steckte dahinter, und wie sah Fritz das persönliche Verhältnis zu seinem Vater Friedrich?Zum Dritten: Und hier soll auf das oben angeführte Zitat zum Jahr 1916 zurückgekommen werden. Podewin erzählt die Lebenswege von Vater und Sohn nach- und nebeneinander, nicht gegeneinander. Nehmen wir also das Zitat, so wechselte Sohn Ebert aus seiner eigenen Lebenserfahrung, um den Fehler von 1916 zu korrigieren, auf die Seite der Partei der Revolution und verließ die der Reform. Zu dieser Aussage kann man am Schluss des Buches kommen. Doch nur Friedrich Ebert (Vater) kann man sich mit einer roten Fahne auf einer Barrikade oder an der Spitze eines revolutionären Trupps vorstellen. Bei dem intellektuellen Fritz Ebert jr. trägt diese Vorstellung nicht. So bleibt vieles offen.In einigen Punkten irrt Podewin. Fritz Ebert war als Oberbürgermeister nicht dazu zu bewegen, sich gegen den Abriss von historischer Bausubstanz zu stellen. Er beförderte ihn aber auch nicht, doch als das Haus Hoher Steinweg ein gotisches Haus aus der Zeit nach dem Stadtbrand von 1380 abgerissen werden sollte, war er nicht zu bewegen, sich dagegen auszusprechen. Podewins Werk ist ein lesenswertes Buch, aber nicht das letzte Wort zu diesem Thema.Norbert Podewin: Ebert und Ebert. Zwei deutsche Staatsmänner. Friedrich Ebert (1871 1925), Friedrich Ebert (1894 1979). Eine Doppelbiographie. edition ost, Berlin 1999. 616 S. , 49,80 Mark.Die Familie Ebert, um 1920: Der Reichspräsident, neben ihm sein Sohn Friedrich, Ehefrau Louise und Sohn Karl (von links nach rechts).