Herr Warnatzsch, Sie sind im Moment der bekannteste Schwimmtrainer der Welt. Wie groß ist Ihre Genugtuung darüber?Ich bin sehr glücklich. Wobei nicht ich, sondern die Sportler in die Schlagzeilen gehören. Glücklich bin auch deshalb, weil nicht nur Franziska erfolgreich war, sondern auch die anderen von mir betreuten Aktiven wie Torsten Spanneberg, Moritz Zimmer oder Daniela Sa-mulski. Das ist mir wichtig.Der Weltrekord von Franziska van Almsick hat aber alles überstrahlt. Wie haben Sie das Rennen erlebt?Franziska ist überwältigend. Wir haben vor dem Finale keine besondere Strategie besprochen. Ich habe sie einfach losgelassen, sie hat das wunderbar gemacht. Nach dem extrem schnellen Angang hatte ich etwas Bammel, aber sie ist das phänomenal durchgeschwommen. Die letzten 50 Meter waren unendlich lang.War es das perfekte Rennen?Schwere Frage. Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. Doch, doch - eine solche Zeit muss perfekt sein. Weltrekord ist Weltrekord. Was nicht heißt, dass es in Zukunft nicht noch perfekter geht.Franziska wurde danach von ihren Gefühlen überrollt. Sie dagegen wirkten ziemlich gelassen.Ich bin ein eher ruhiges Temperament. Aber das äußere Bild ist auch ein bisschen Selbstschutz. Innen geht eine Menge ab. Doch das muss nicht jeder sehen und wissen.Nach nur einem Jahr Zusammenarbeit mit Ihnen ist Franziska van Almsick besser als sie jemals war. Was ist Ihr Geheimnis?Die Standardantwort: Es gibt kein Geheimnis. Ich war halt in der Lage, all das zusammenzufügen, was nötig ist, um wieder Top-Leistungen zu bringen. Wobei da das ganze Umfeld mit einzubeziehen ist. Den Rest musste Franziska ganz allein machen. Ohne ihr absolutes Wollen wäre gar nichts gegangen.Sie haben schon 1980 Jörg Woithe zum Olympiasieg geführt. Ist Franziska van Almsicks EM-Auftritt die Krönung Ihrer Trainerlaufbahn?Es ist die Krönung, ohne Zweifel. Die vorläufige zumindest. Das hängt mit den Umständen zusammen, dem schrittweisen Aufbau der Leistung, den öffentlichen Zweifeln an Franziska. Und damit, dass sie mir mit der Staffel-Bestmarke und der 200-Meter-Zeit die beiden ersten Weltrekorde meiner Trainerkarriere geschenkt hat.Haben Sie den 200-m-Weltrekord allen Ernstes für möglich gehalten?Wir haben natürlich nicht ins Blaue hinein trainiert. Am Anfang habe ich ihr immer wieder gesagt: Franz, du musst aufstehen! Das hat sie gemacht. Dann habe ich eine Richtzeit aufgeschrieben und den Termin Sommer 2002. Die Zeit lautete 1:56,5 Minuten. Vor dem Finale aber habe ich auf Fragen nach dem Rekord zurückhaltend geantwortet. Ich bin keiner, der große Töne spuckt. Ich wollte dem Mädchen nicht noch zusätzlichen Druck aufladen.Wird es schwerer, neue Ziele zu setzen?Man muss sich was einfallen lassen. Es gibt viele Punkte, an denen man ansetzen kann. Sowohl das Training als auch die Ziele werden eine neue Qualität haben. Ich weiß, wo die Reserven sind, die werden wir angehen. Ich bin der Boss, ich habe dafür zu sorgen, dass es funktioniert. Das geht nur auf der Basis von Vertrauen. Außerdem reißt einen alten Sack wie mich die Arbeit mit intelligenten Menschen mit hoher Motivation doch mit.Wie geht es weiter?Jeder meiner Sportler hat bereits einen individuellen Plan, was im kommenden Jahr im Training abzuspulen ist. Und jeder kann sich dabei einbringen, wobei die Entscheidung am Ende aber bei mir liegt.Hat auch Franziska diesen Plan?Natürlich. Um Ihrer nächsten Frage vorzugreifen: Ich bin frohen Mutes und guter Hoffnung, dass sie weitermacht. Schließlich ist da mit Blick auf Olympia noch etwas offen. Aber ich bin keiner der drängt, überredet oder gar administriert. Sie wird das für sich in Ruhe entscheiden - und sie wird richtig entscheiden. So oder so.Gespräch: Klaus Weise