Mit der Geburt fängt ja alles an. Auch bei Tom, genauer: bei Thomas-Albert Schuhmann-Weihl. "Nein! Nicht die Nabelschnur durchtrennen", kreischt Mutti, als der Junge geschlüpft ist. "Ich hab' gelesen, dass man sie noch pulsieren lassen soll." Wenn es nach Mutti ginge, wohl lebenslang. Von dieser 19 Jahre dauernden Abnabelung erzählt "Eisbombe" von Oliver Jahn, ein norddeutsch-trockener Gute-Laune-Film, der ernst genug bleibt, um sich nicht lustig zu machen über Menschen, die wirklich Kummer haben.Die Familie Schuhmann-Weihl hat zunächst nur eine Macke. Alles muss streng hygienisch und ökologisch zugehen. Wir schließen Bekanntschaft mit Mutti und Vati, als gerade die gesamte Tiefkühlkost weggeschmissen wird: Ökotest hat eine erhöhte Pestizid-Belastung festgestellt - bei einer Charge eines Herstellers. Nun gut, Akademikerfamilien mit doppeltem Einkommen und eigenem Haus können sich so einen Verschleiß ja leisten. Bloß der 19-jährige Tom hat einen ernsten Schaden: Er fürchtet sich vor Regen. Seit der Atomkatastrophe von Tschernobyl durfte er nicht in den Regen hinaus. Damals konnte er noch nicht mal sprechen; das frühkindliche Trauma sitzt bis heute.Eines Abends knallt ein Eisklotz durchs Dach. Er ist schleimhautfarben und riecht nicht gut. Die herbeigerufene Polizei hält sich für unzuständig. Also sagt Mutti: Solange nicht geklärt ist, von welchem Meteoriten dieses Eis stammt, gehen wir in unseren Hausbunker und ernähren uns von Ravioli-Dosen der Vor-Tschernobyl-Zeit. Vati flucht: "Wir werden vom Ozonloch angegriffen. Die Bullen erklären mich für verrückt. Und mein Sohn hat Angst vor Regen. Scheiße!" Und Mutti findet die schönen Worte: "Die Zeiten ändern sich zwar, aber besser werden sie nicht." Als Tom mit Mutti auf einer Liege schlafen soll, knurrt er: "Es reicht." Er zieht aus und nimmt ein Zimmer im Krankenhaus, wo er Zivildienst leistet.Nun gelingt dem Film etwas ganz Schwieriges: Er muss von der Nummerndramaturgie des Klamauks zur großen Erzählung finden. Das schafft er, weil Eike Weinreich als Darsteller des Tom ein Glücksgriff ist. Er liefert keine Karikatur eines verklemmten Muttersöhnchens ab, sondern entwickelt das zunehmend komplexe Bild eines jungen Mannes, der sich über das Ausmaß und die Herkunft seiner Macken klar wird. Seine quirlige Freundin Lucie (Katharina Schüttler) und die Raumpflegerin Elfi (mit gesunder proletarischer Intelligenz und umstandsloser Solidarität: Heike Jonca) helfen ihm, Selbst- und Weltvertrauen zu fassen."Die Eisbombe" ist eine gelungene Satire auf die Sicherheitsgesellschaft, die verbissene Regelungswut überinformierter Wohlstandsökologen und auf die "arbeitslose Angst", die jedes noch so kleine Restrisiko des Lebens erschnüffelt. Man merkt beim eigenen Grinsen, dass Schadenfreude doch eine Naturanlage ist. Das refrainartig im Film auftauchende Fernsehmagazin "Norden in Not" mit Ulla Kock am Brink verrät bös-genaue Milieukenntnis.Die Eisbombe Dtl. 2008. Regie: Oliver Jahn, Drehbuch: Oliver Jahn, Stéphane Bittoun, Kamera: Julian Atanassov, Darsteller: Eike Weinreich, Katharina Schüttler, Karoline Eichhorn, Peer Martiny, Heike Jonca, Leon Wessels u. a.; 95 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Maulkorb der Angst: das Ehepaar Schuhmann-Weihl nach Eisattacke.