TOKIO, im Januar. "Stirb an einem anderen Tag". Der Satz könnte Kim Jong Il gefallen, eine gute Geschichte mit James Bond mag er normalerweise auch. Doch diesmal ist es anders. Eine verfluchte, dreckige Karikatur sei der neueste Film mit 007, erklärte Kim Jong Ils amtliche Propaganda-Agentur KCNA. Das Bond-Werk enthülle die wahren Absichten der USA und deshalb werde man im antiamerikanischen Kampf nicht nachlassen. Starke Worte, dabei kann man sicher sein, dass Pierce Brosnan und Halle Berry in der Koreanischen Volksdemokratischen Republik keinen Zuschauer verprellen; ihr Film wird dort gar nicht aufgeführt. Dass der Geheimagent Seiner Majestät in "Stirb an einem anderen Tag" von nordkoreanischen Schergen gefoltert wird, hat aber auch anderen missfallen, besonders den Südkoreanern. Sie boykottieren den Film, demonstrieren in Seoul gegen die Aufführungen, weil auch sie sich in ihrem koreanischen Nationalstolz verletzt fühlen. Es ist eine Solidarität, die Kim Jong Il gefallen wird, obwohl der Mann aus Pjöngjang sie sonst doch so liebt, die Filme aus dem Westen, mit viel Action, Gewalt und Sex. Abende lang soll er sich allein in sein Heimkino einschließen; das private Archiv Kims umfasst tausende Videokassetten und DVD, sehr wahrscheinlich sind auch alle Filme mit James Bond dabei. Der Diktator als Cineast hat es sogar schon fertig gebracht, Ende der siebziger Jahre eine südkoreanische Schauspielerin zu seinem Gefallen in den Norden zu entführen. Und es gibt nicht wenige, die behaupten, dass Kims Politik sich ausnehme, als bestehe sie aus Versatzstücken von Drehbüchern verschiedenster Agentenfilme. Drohen, erpressen, töten, zerstören - wenn es sein muss, um jeden Preis. Doch das alles lässt sich auch deshalb so gut kolportieren, weil es nur höchst unscharfe Bilder von Kim Jong Il gibt. Der Diktator bleibt ein Mysterium, weil Nordkorea aus sich ein einziges Staatsgeheimnis macht. So ist schon alles über Kim geschrieben worden, was sich nur vermuten lässt. Er sei ein Playboy, der den ganzen Tag über mit blonden Schwedinnen spiele, ein Trinker mit unersättlichem Durst nach Rotwein, eine Spielernatur, ein Kettenraucher. Und weil er noch nie eine große Rede gehalten hat - normalerweise Markenzeichen und Machtinstrument aller stalinistisch geprägten Führer - hielten ihn Geheimdienstkreise für sprachlich, vielleicht auch geistig, minderbemittelt. Von einem Schlaganfall war die Rede, der Kim rechtsseitig gelähmt habe. Nur so seien seine unsicheren Bewegungen zu erklären. Epilepsie, Leberzirrhose, Nierenkrebs diagnostizierten französische Ärzte aus der Ferne. Wenig ist klar, vieles ist widersprüchlich. Und das gilt auch für seine Politik. Mal lässt er Raketen über Japan abfeuern, mal spricht er von einer friedlichen Wiedervereinigung mit Südkorea. Heute bittet er um Hilfe gegen den Hunger in seinem Land, morgen droht er mit Atomkrieg. An guten Tagen kann er selbst Madeleine Albright Sympathien abringen, an schlechten Tagen lässt er zu einem Heiligen Krieg gegen die USA aufrufen.Glaubt man der nordkoreanischen Biografie, kam Kim Jong Il am 16. Februar 1942 auf dem Gipfel des Paektu zur Welt, den Koreaner seit Menschengedenken für einen heiligen Berg halten. Nimmt man aber die Angaben des südkoreanischen Geheimdienstes, fand die staatstragende Geburt im russischen Chabarowsk statt, wo Kim Jong Ils Vater als Gärtner arbeitete, der spätere "Große Führer" Kim Il Sung. Der Berg Peaktu passte der Propaganda aber wohl besser zur Entstehung einer kommunistischen Legende. Kim Jong Il trägt stets eine Khaki-Unform ohne Rangabzeichen, lässt sich aber offiziell als Marschall titulieren. Die Parteilyrik besingt ihn als "General aus Stahl, der in hundert Schlachten hundert Siege errang", obwohl sich keiner erinnern kann, bei welcher Truppe er je gedient hat. Auch ist nichts dran an der sagenhaften Geschichte, Kim Jong Il sei Ende der fünfziger Jahre in der DDR zum Kampfpiloten ausgebildet worden. Dort, so geht die Legende, habe er einen Absturz überlebt, leide seither unter Flugangst und fahre prinzipiell nur mit dem Zug oder Auto. Es wurden in der Fliegerschule in Kamenz sicher mehrere Koreaner namens Kim trainiert, aber der prominenteste war ein entfernter Verwandter des Diktators. In Wirklichkeit hat Kim Jong Il an der Staatsuniversität Pjöngjang die Lehren der marxistisch-leninistischen Ökonomie verinnerlicht und 1964 eine Abschlussarbeit zum eher profanen Thema "Die Rolle des Verwaltungsbezirks beim Aufbau des Sozialismus" vorgelegt. Das befähigte ihn fünf Jahre später für das Parteiamt des Vizechefs für Propaganda und Agitation. Bald begann Kim sich an der "Großen Sonne" seines Vaters zu erwärmen, stieg 1974 direkt vom Posten eines eher bedeutungslosen Direktors für Kunst und Kultur zum Mitglied des Politbüros der kommunistischen Partei Koreas auf. 1991 ernannte Kim Il Sung dann seinen Sohn zum Oberbefehlshaber der Armee und gründete damit die erste kommunistische Dynastie der Weltgeschichte. Drei Jahre später starb Kim Il Sung an Herzversagen. Seither befehligt Kim Jong Il das drittgrößte Heer der Welt. An der innerkoreanischen Waffenstillstandszone entlang des 38. Breitengrades sind etwa 1,1 Millionen Soldaten aufgestellt. Bis zu acht Millionen Reservisten warten auf ihren Einsatzbefehl. Mehr als elftausend Artilleriegeschütze sollen auf Südkorea gerichtet sein. Zwischen 600 und 750 Raketen - mit einer Reichweite bis nach Japan und Hawaii - sind abschussbereit auf festen und mobilen Rampen installiert. Und etwa 3 700 Panzer und 700 Kampfflugzeuge könnten jederzeit Südkorea angreifen. "Wir werden von einem erratischen Kriegsgott bedroht", sagt der Seouler Militärexperte Kim Dae Woo.Man müsste annehmen, dass Kim Jong Il sein Land wie eine absolute Monarchie führen kann - als Generalsekretär der Einheitspartei, als Marschall und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Aber ganz so reibungslos scheint die erste kommunistische Dynastie doch nicht zu funktionieren. Immerhin dauerte es drei Jahre, bis Kim junior das erste der Ämter seines Vaters Kim Il Sung antreten konnte. Offenbar entbrannte hinter den Kulissen ein Machtkampf, der möglicherweise immer noch nicht definitiv entschieden ist. Wer führt also wirklich Nordkorea? Kim Jong Il, die Kader, die Kommandeure oder jeder für sich? Systemerfahrene Politiker wie Gregor Gysi machten bei Visiten in Pjöngjang Patt-Situationen zwischen Parteikadern und Militärs aus. Ob Kim Jong Il mit Macht an der Spitze steht oder den Militärs als Symbolfigur für das Volk dient, ist ungewiss. Erst im Oktober 1997 machte das Zentralkomitee der kommunistischen Partei Kim Jong Il zu seinem Generalsekretär - zur Jubelfeier wurden trotz Hungersnot sechzigtausend Flaschen Wein und tonnenweise Süßigkeiten importiert. Seit September 1998 ist Kim immerhin auch offiziell der erste Mann im Staate. Damals bestätigte die Oberste Volksversammlung, das nordkoreanische Scheinparlament, den Diktator als Führer der Nationalen Verteidigungskommission und nannte dieses Amt erstmals das höchste im Lande. Seither stellen die parteigelenkten Medien Pjöngjangs Kim Yong Il als eine Mischung aus Einstein, Marx und Napoleon dar - ein Genie der Extraklasse. Zum 50. Jahrestag der Republikgründung im September 1998 jubelte die Staatsagentur KCNA: "Sonne, Mond und Sterne, alle lieben unseren großen Führer Kim Jong Il". Sein Geburtstag am 16. Februar, schon seit 1976 offiziell ein arbeitsfreier Tag, mutierte 1982 amtlich zum öffentlichen Feiertag und darf seit 1986 sogar zwei Tage lang begangen werden. "Organe, Betriebe und Familien haben zur Feier des Tages Staatsflagge zu zeigen", wies die Partei an. Und noch immer bezeichnet sie Nordkorea als das "Paradies der Werktätigen".Doch die Lage in Kim Jong Ils Staat könnte schlechter nicht sein. Südkorea geht davon aus, dass die Wirtschaft im Norden bestenfalls stagniert - und das auch nur, weil man noch Hilfe aus dem Ausland erhält. Doch mittlerweile wendet sich mit China selbst der Hauptverbündete ab - und dem kapitalistischen Südkorea zu. Der bilaterale Handel Pekings mit Seoul ist schon zwanzigmal so umfangreich wie der Warenverkehr mit Nordkorea.Das Land leidet an Misswirtschaft und Militarismus gleichermaßen. Die Armee schluckt vierzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Vor der Ernte im vergangenen Sommer konnten die staatlichen Ausgabestellen für Lebensmittel nur noch 150 Gramm Lebensmittel pro Kopf und Tag verteilen, oftmals von sehr geringem Nährwert. Das Minimum wären eigentlich 500 Gramm, beklagt die lokale Vertretung des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen. Nach westlichen Schätzungen sollen in den vergangenen fünf Jahren 220 000 Nordkoreaner verhungert sein. Manche Experten beziffern die Zahl der Opfer sogar auf 4 Millionen, das wäre bei einer Bevölkerung von 22 Millionen fast ein Fünftel. Diese Zahl mag übertrieben sein, aber eins ist sicher richtig: "Nordkoreas Wirtschaft liegt auf den Knien", wie die in Seoul erscheinende Korea Times titelte.Doch manchmal gab es sogar Zeichen, die Hoffnung auf Veränderung weckten. Nach extensiven Visiten in Russland und China ließ Kim Jong Il vor wenigen Monaten ein Stück Marktwirtschaft zu. Radikal wurden Löhne vervielfacht und im Gegenzug Subventionen für Preise und Tarife drastisch gekürzt. Lebensmittelkarten sollen abgeschafft, freie Produktion zugelassen werden. Reformen seien nötig, um das Land zu stärken und die Lebensqualität seiner Bürger zu heben, ließ Kim Jong Il ausländische Gäste wie den russischen Außenminister Igor Iwanow wissen. Auf eine bessere Zukunft lässt dieser neue Kurs aber nur dann hoffen, wenn sich das Land gleichzeitig für ausländische Investitionen öffnet. Nach chinesischem Vorbild könnten vier bereits geplante Sonderwirtschaftszonen entstehen. Hier ergeben sich nicht nur gute Geschäftschancen für Südkoreas Konzerne, sondern auch für europäische Anbieter. Wie man hört, sind auch ABB, Fiat, Siemens oder ThyssenKrupp bereits dabei, das Terrain zu sondieren. Besonders lukrativ ist auch die sechshundert Kilometer lange interkoreanische Eisenbahn, die nun nach langer Verspätung offenbar auf die Gleise kommt. Dass nach einer Öffnung der Märkte in Nordkorea noch immer alles seinen sozialistischen Gang gehen wird, ist kaum anzunehmen. Und auch Kim Jong Il dürfte wissen, dass er mit kapitalistischen Enklaven ganz zwangsläufig ideologische Schneisen schlägt.Doch noch scheint alles starr in Beton gegossen. Und bevor der bröckelt, will das letzte altkommunistische Regime der Welt seine Existenz international absichern, durch politische Anerkennung und wirtschaftliche Alimentierung. Vielleicht lässt sich so Kim Jong Ils Kriegslärm um den Atomwaffensperrvertrag und die Raketentests besser verstehen.Es ist nichts dran an der sagenhaften Geschichte, Kim Jong Il sei Ende der fünfziger Jahre in der DDR zum Kampfpiloten ausgebildet worden.DPA/XINHUA Pjöngjang am Sonnabend: Rund eine Million Menschen demonstrieren für die Politik Kim Jong Ils. Ein idealisiertes Großporträt zeigt den Diktator.