BERLIN, 8. Februar. Es sah so aus, als sollte Norman Finkelstein am Mittwochabend in der Berliner Urania nicht mehr zu seinem Schlusswort kommen. Zweimal setzte er an, zweimal musste er irritiert abbrechen. Im großen Vortragssaal war der Tumult aufgekommen, der seit anderthalb Stunden knisternd in der Luft lag. Alles schien wie nach dem politischen Bilderbuch inszeniert: Im linken Saalgang entrollten linke Gruppen Transparente. "Deutsche Täter sind keine Opfer"; "Holocaust-Industrie = Siemens Deutsche Bank IG Farben." Im rechten Saalgang skandierten junge Rechte den Slogan "Frei, sozial und national!", erwidert von Sprechchören "Nazis raus!" Linksradikale Schläger begannen auf ihre Gegner einzuprügeln. Zivile und uniformierte Polizeikräfte schritten ein. Zum ersten Mal an diesem Abend zeigte das sonst so maskenhaft beherrschte Gesicht Norman Finkelsteins Regung. Am Vormittag, zum Auftakt des Berliner Rummels um sein Buch "Die Holocaust-Industrie" war Finkelstein auf der Pressekonferenz des Piper Verlags gefragt worden, ob er nicht "Beifall von der falschen Seite" fürchte, wenn er als linker Kritiker die großen jüdischen Weltorganisationen bezichtigt, aus dem Leid der Shoa Geld und Macht zu pressen und sich auf Kosten der Opfer zu bereichern. Stoisch besessen von seiner Anklage, hatte Finkelstein eingeräumt, dass sein "moralisches Handeln auch nicht gewünschte Konsequenzen haben" könnte. Versteinerte Miene Nun erlebte er sie. Wusste der Sohn traumatisierter Auschwitz-Überlebender, der mit seinen Thesen in den USA ignoriert wird, in jenen Minuten des Tumults, hier in Deutschland, welches denn noch "seine Seite" ist? War er doch gekommen, um den Deutschen, ihrer Regierung und ihren Firmen Respekt zu zollen - für ihr Bemühen um moralische und materielle Wiedergutmachung. Nach welcher Seite sollte er sich wenden, als der Uraniasaal von den Schlägern geräumt war und die vom Moderator Johannes Willms schon aufgegebene Veranstaltung nun doch "in Ruhe" zu Ende kommen sollte? Recht verstört schaute Finkelstein nach links zu den "Bannerträgern", sagte nur, er könne sie schon verstehen; sie täten ja "nichts Falsches", wenn sie ihre Meinung sagten. Dann hatte er sich wieder gefasst, um zu enden, wie er begonnen hatte: Er werde nicht müde werden, jene zu benennen, die das Holocaust-Gedenken für ihre wirtschaftlichen und politischen Ziele instrumentalisieren und ausbeuten. Denn diese seien es, die zur Schande der Judenheit den Antisemitismus schürten. Dass es ein brisanter, turbulenter Abend würde, hatte man von Anfang an ahnen können. Der große Saal mit seinen 900 Plätzen war restlos ausverkauft, weitere hunderte Zuschauer drängten zu den Videoprojektoren in den Nebensälen . Als Finkelstein auf die Bühne gerufen wurde, begrüßte ihn das Publikum wie einen Weltstar. Er ließ es mit versteinerter Miene über sich ergehen. Wie von einem Sprachroboter kamen seine Statements, Wort für Wort monoton artikulierend. In der Stimme war kein Eifer, wenn Finkelstein den angeblichen Missbrauch des Holocaust-Gedenkens anprangerte, die These von der Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Völkermords eine Keule nannte, geschwungen zur Ablenkung von anderen Menschheitsverbrechen. "Das ist intellektueller Terrorismus", hämmerte er in steten Schlägen in den Saal, "der Abwurf der Atombombe war auch einmalig." Nur ab und an, wenn Finkelstein zur Betonung seines Moralismus Kant oder Mill bemühte, verfiel die Stimme in den beschwörenden Ton eines Heilsbringers.Er erntete Beifall und Buhs, und Buhs und Beifall wechselten im Verlaufe der Diskussion immer wieder die Seiten. Finkelsteins provokante These über die Urheber des modernen Antisemitismus spaltete den Saal. "Endlich sagt es einer!" schrie einer von seinem Sitz. Ein anderer war empört: "Und das von einem jüdischen Opferkind!" Eine Frau sprang auf und wetterte minutenlang eine Rede in den Saal, keiner konnte verstehen, was sie sagte. Hätte Finkelstein hier mit seinem Buch nicht erscheinen dürfen? Der Schriftsteller Rafael Seligmann, der Finkelsteins laxen Umgang mit Fakten kritisierte, wandte sich in der Urania gegen jedes Ansinnen von Verbot oder Zensur. Sein Kollege Sten Nadolny sah in Finkelstein einen unbequemen "Robin Hood" der jüdischen Opfer, bewunderte seinen Mut zum Tabubruch, über den aufklärend diskutiert werden müsse. Die angegriffenen Institutionen sollten sich wehren, die Vorwürfe überzeugend zurückweisen. Alles andere begünstige den Antisemitismus. Der Historiker Peter Steinbach gestand sein "Gespaltensein": Bücher und die Reaktion darauf produzierten wohl keinen Antisemitismus, der sei in den Strukturen unserer Gesellschaft angelegt. Aber diese Schrift, so Steinbach, sei nicht etwa hilfreich, die Entschädigung für die Zwangsarbeiter einzusammeln. Er fürchte, dass sich Antisemiten an Finkelsteins Argumenten bedienen. An den Autor gewandt sagte Steinbach: "Ihr Appell zum historischen Tabubruch könnte im rechtsextremen Spektrum anders verstanden werden, dort, wo Sie hoffentlich nicht Ihre Freunde sehen." Wieder Beifall, wieder Buhs und noch verzog Finkelstein keine Miene.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Norman Finkelstein in Berlin.