Pfarrer Sigmund Jacobsen führt mit bedächtigem Stolz durch seine Kirche. Der Besucher bewundert nicht nur die farbigen Schnitzereien, sondern auch die raffinierte Holzkonstruktion aus dem 17. Jahrhundert, die fast ohne Nagel und Klebstoff auskommt. Die Alte Kirche in Vaga, vier Stunden Bahnfahrt von Oslo entfernt, gilt als eindrucksvolles Beispiel einer Bautradition, wie es sie nur in Norwegen gibt. Kaum hat der Pfarrer seinen kleinen Rundgang beendet, zieht eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft in die Kapelle ein.Doch der Pfarrer ist nachdenklich. "Wenn diese Kirche zerstört würde, würde die Gemeinde das Einzige verlieren, was sie noch zusammenhält", sagt er. Sigmund Jacobsen hat Anlaß zur Sorge, denn die Kirche ist bedroht. In den letzten vier Jahren haben Brandstifter mehr als 20 historische Holzkirchen in Norwegen angezündet. Die meisten Anschläge gehen auf das Konto merkwürdiger Täter, die sich Satanisten nennen und gegen die Symbole des Christentums kämpfen. Als 1992 die Holmenkollen-Kapelle zerstört wurde, in die die Königsfamilie zum Weihnachtsgottesdienst ging, löste dies große Empörung aus - und eine Spendenaktion für den Wiederaufbau. Die Mission Luzifers Die größte Furcht aber gilt den berühmten norwegischen Stabkirchen. Ursprünglich zu Tausenden in der Zeit zwischen 1100 und 1400 errichtet, hatten nur dreißig Bauten die Jahrhunderte überstanden - bis 1992. Dann brannte die prächtige Fantoft-Kirche in Bergen ab. Nun hat die Regierung ein großangelegtes Programm zur Sicherung der Stabkirchen gestartet, denn keine anderen Denkmäler sind so eng mit der norwegischen Identität verknüpft. "Wenn die Norweger von Norwegen sprechen, sprechen sie von Natur, Bergen, Fjords und Stabkirchen", sagt Seppo Heinonen vom Verein zum Schutz der norwegischen Denkmäler. Doch gerade dieser symbolische Wert hat sie zum Ziel von Anschlägen gemacht. Ungewollt findet sich der Pfarrer von Vaga an der Front eines bizarren Kleinkrieges wieder, der über Skandinavien hinaus kaum bekanntgeworden ist.Die Spur führt in eine Szene jugendlicher Teufelsjünger, die als "Circle of Black Metal" seit 1991 von sich reden machten. Um den Black Metal, eine besonders aggressive Musikrichtung mit Texten über Tod und Teufel, sammelten sich in Norwegen Fans, für die Musik zum Vorwand für Gewalt wurde. Als Anführer der Satansrocker galt ein junger Mann mit Engelsgesicht und langen Haaren, der als "Count Grishnackh" bekannt wurde. "Wir brennen Kirchen ab, um die Wut der Christen zu verstärken", sagte er 1993 in einem Interview, "wir können dann vielleicht Krieg mit ihnen führen." Der selbsternannte Graf, heute 23 Jahre alt, ist einziges Mitglied der Band Burzum und heißt bürgerlich Kristian Vikernes - doch er nennt sich lieber Varg, das heißt Wolf.Varg Vikernes und den anderen Black-Metal-Rockern ging es zunächst nur um Provokation - je wilder und böser, desto besser. Als Objekt ihrer anarchischen Wut schien ihnen offenbar nichts geeigneter als die Evangelisch-Lutherische Staatskirche Norwegens, die noch immer enormen Einfluß auf die Gesellschaft hat. "Wir wollen die Mission Luzifers erfüllen", brüllten Musiker von Bands wie Mayhem, Dark Throne oder Emperor. Doch es blieb nicht beim Krieg der Symbole. Irgendwann reichten ihnen die extremen Texte nicht mehr: Sie griffen zu Benzin und Streichholz.Seit 1992 wurden in Norwegen 31 Anschläge auf Kirchen verübt. 22 brannten nieder bis auf die Grundmauern; bei den Löscharbeiten starb ein Feuerwehrmann. Obwohl Vikernes in Presseinterviews unverblümt über Einzelheiten der Untaten plauderte, wanderte er ebensowenig ins Gefängnis wie sein größter Rivale in der Satansszene, der 25jährige Musiker ystein Aarseth, genannt Euronymus (Prinz des Todes). Es fehlten die Beweise. Doch am 10. August 1993 fand man Euronymus tot im Treppenhaus seiner Osloer Wohnung, mit über 20 Messerstichen in Kopf, Hals und Brust. Zehn Tage später wurde Vikernes festgenommen.Die Anklage warf dem "Grafen" Mord, Brandstiftung in elf Fällen und den Überfall auf ein Sprengstoffdepot vor. Wegen des Mordes wurde er im Mai 1994 zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt. Vor Gericht gab er außerdem zu, mindestens vier Sakralbauten - darunter die Fantoft-Kirche - angezündet zu haben. In der Verhandlung sagte er: "Nicht jene, die Kirchen niederbrennen, sind Verbrecher, sondern jene, die die Kirchen errichten." Noch in der Nacht nach dem Urteil brannten wieder zwei Kirchen. Inzwischen verbüßen auch eine 19jährige Vikernes-Anhängerin und ihre 23jährige Mittäterin eine mehrjährige Freiheitsstrafe, nachdem sie der Brandstiftung an einer Kirche überführt wurden. Ebenfalls im Knast sitzt Bard Eithin ("Faust") von der Black-Metal-Band Emperor. Er hatte 1993 einen Homosexuellen erstochen und gestand den Anschlag auf die Holmenkollen-Kapelle.Obwohl es nach den Prozessen ruhiger geworden ist - seit 1995 wurde "nur" noch fünfmal an Kirchen gezündelt - nimmt die norwegische Kripo die Szene weiter ernst. Ein Beamter, der seinen Namen nicht genannt haben will, zeigt ein Flugblatt, das in Black-Metal-Kreisen kursiert. "Kripospitzel verdienen den Tod", heißt es dort. "Tötet die Christen. Verbrennt ihre Kirchen. Zerstört ihre Häuser. Foltert ihre Kinder." Für Satan und Hitler Varg Vikernes, der im Osloer Ullersmo-Gefängnis sogar Schallplatten produziert und öfter mal mit der Presse klönt, hetzt nun auch gegen die Juden; mittlerweile preist er nicht mehr den Satan, sondern die nordischen Götter Odin und Thor. In Underground-Gazetten wie dem deutschen Blatt "Infernus" verbreiten die Anhänger seine kruden Botschaften. Dort tat der seltsame "Graf" kund: "Ich unterstütze alle Diktaturen, Hitler, Stalin, Ceausescu Und ich will selbst Diktator von Skandinavien werden. Make war, not love!" Er fügte hinzu: "Ich bin stolz, ein norwegischer Wikinger und arischer Mensch zu sein. Heil Hitler! Black Metal for White People!"Als Vikernes vor Gericht stand, hatte er sich bereits einer rechten schwedischen Terrorgruppe angeschlossen, die sich "Weißer Arischer Widerstand" nennt. Sie steht in enger Verbindung mit dem rassistischen amerikanischen Ku-Klux-Klan und ist nach Angabe von Experten auch in Deutschland aktiv. Inzwischen hat Vikernes angeblich eine neue Gruppe namens "Norwegische Heidnische Front" gegründet. Daß es Verbindungen zwischen "Satanisten" und Neonazis in Skandinavien gibt, bestätigt der Osloer Kriminalbeamte. Und wirklich: Ein Teil der Black-Metal-Szene - auch in Deutschland - benutzt mittlerweile nicht mehr nur Satanszeichen wie umgedrehte Kreuze oder das Pentagramm, sondern ebenso das Hakenkreuz und die SS-Rune.Trotzdem haben die meisten dieser norwegischen Satanisten wenig Interesse an dem, was man gewöhnlich unter Politik versteht. Überwiegend handelt es sich um Jugendliche; ihre Zahl schätzt Finn Bj rn T nder aus Bergen, Journalist mit Insiderwissen, auf "weit unter 500". Das ideologische Programm, soweit überhaupt vorhanden, besteht aus dunklen Symbolen und dumpfen Gegenentwürfen zu einer Gesellschaft, die durch das Christentum kalt und vor allem "schwach" geworden sei. Die Antwort ist eine unbestimmte Rückkehr zu "heidnischen Werten", zur brachialen Naturnähe der Wikinger. "Die nächsten tausend Jahre gehören uns!" heißt es im einschlägigen Flugblatt - eine Anspielung auf die Zwangschristianisierung, die in Norwegen unter König Olaf dem Heiligen im Jahr 995 eingeleitet wurde. Immerhin: Die für die Jahrtausendfeier 1995 angekündigten Anschläge blieben aus. High-Tech-Sicherungen In der wirklichen Welt entpuppen sich die "Satanisten" oft als frustrierte Außenseiter oder gelangweilte Vorstadtkinder. "Sie kommen meistens aus Familien, wo es niemand gibt, der sie fragt: Was hast du denn heute gemacht?" sagt der Osloer Kripo-Mann. Die dröhnende Black-Metal-Musik und der Satanismus sollen vielleicht die eigene Einsamkeit bannen, das Echo in den Medien wird offenbar zum Ersatz für fehlende Anerkennung. Eine Brandstifterin konnte überführt werden, weil sie ihr persönliches Zeichen auf dem Kirchhof hinterlassen hatte - in der Hoffnung, die "Glaubensgenossen" würden ihren Anteil am Anschlag im Fernsehen erkennen.Inzwischen handelt die Regierung. Die penibel restaurierte Gol-Stabkirche außerhalb von Oslo, die einen Brandanschlag knapp überstand, besitzt heute ein High-Tech-Sicherheitssystem mit Rauchdetektoren, einer Berieselungsanlage und brandlöschenden Nebelwerfern. Andere Kirchen werden mit Sicherheitskameras und Infrarotdetektoren ausgestattet. Im Rahmen des staatlichen Schutzprogramms erhält jede Stabkirche bis zum Jahresende Alarmsysteme und Brandlöschanlagen - Kostenpunkt: mehrere Millionen Kronen.Die Alte Kirche in Vaga, zum Teil mit den Resten einer viel älteren Stabkirche gebaut, gilt jedoch nicht als "offizielle" Stabkirche und fällt daher nicht unter das Programm. Fast eine halbe Million Mark wäre nötig, um sie angemessen zu sichern. "Wenn es brennt, ist die Zeit das Problem", sagt Leif Hagen, der Hausmeister in Vaga, "denn das Gebäude ist wie eine Fackel. Ohne eine Sprinkleranlage gibt es wenig Chancen."Aber auch die beste Technik ist machtlos gegen brandstiftende Ideen. Im Internet kann man Bilder brennender Kirchen oder Fotos einsitzender "Märtyrer" wie Varg Vikernes finden; und in dem neueren deutsch-holländischen Undergroundblatt "Daemonium Aeturnus" heißt es wieder - nur ein Beispiel: "Laßt die schwarze Flamme lodern! Heil Luzifer-Satan!" +++