Wie viel Quadratzentimeter Haut bedeckt ein Jugendmode-Bikini? Wie viele Füße hat ein Tausendfüßler? Wie viel Prozent der Fünfjährigen glauben an den Klapperstorch? Als das DDR-Fernsehen im August 1974 "Schätzen Sie mal" startete, ahnte keiner, dass die Quiz-Show fast 23 Jahre lang laufen würde. Das Konzept schien simpel: Drei Kandidaten gaben zu den Fragen ihre Schätzwerte ab. Wer am dichtesten dran war, erhielt drei Punkte. Aber das Spiel mit dem Schätzen hatte einen besonderen Reiz. Es gab auch denen eine Chance, die die Antwort nicht genau wussten. So wirkte die Fragerei nicht mehr wie eine Prüfung. Frühere DDR-Quizshows trugen so strenge Titel wie "Sind sie sicher?" oder waren ideologischer. In der Sendung "Sechse wollen Erste sein" mussten Kollektive die Dienstgradabzeichen der Nationalen Volksarmee in die richtige militärische Reihenfolge bringen.Bei den Fragen von "Schätzen Sie mal" waren keine Schlaumeier und Auswendiglerner gefragt, sondern der naturwissenschaftlich interessierte Allrounder mit einem Hang zur Improvisation. Und dieser Ratetyp war in der DDR sehr verbeitet (die naturwissenschaftliche Ausbildung der Polytechnischen Oberschule wird in der PISA-Debatte als vorbildhaft wieder entdeckt).Da die Show den Untertitel "Unterhaltungsabend mit mehreren Unbekannten" trug, waren auch die drei Kandidaten zunächst Unbekannte und wurden, wie in einer mathematischen Gleichung, als X, Y und Z angeredet. Selbst das Saalpublikum im Studio in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) hatte einen sachlichen Zusammenhalt: Es stammte stets aus derselben Straße. Auch der Moderator Jürgen Marten setzte auf Nüchternheit, agierte dazu souverän und einfühlsam. Obwohl Marten kein Entertainment-Profi war, sondern Recht an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst lehrte, behandelte er die Kandidaten nicht wie Prüflinge, sondern gab hinterher oft zu, dass er beim Probeschätzen noch weiter daneben gelegen hatte.Nach zehn Jahren übernahm Lutz Hoff die Moderation. Im Laufe der Zeit wurde "Schätzen Sie mal" stärker zur Show getrimmt, Popsternchen und Schlagersänger traten auf und wurden Objekt der Fragen. Gleichzeitig funkte die DDR-Propaganda in die Show hinein. Bis 1985 musste mindestens eine Frage zur Sowjetunion gestellt werden - in der Gorbatschow-Ära war das Freundesland dagegen tabu. Nachdem Lutz Hoff in einem Einspielfilm ein Förderband aus einer Obstquetscherei als Industrieroboter ausgeben musste - die DDR überholte in der Roboter-Statistik gerade Japan - beschwerten sich Zuschauer über die groteske Überschätzung. Selbst nach der Wende war die Show noch so populär, dass der MDR sie bis zum Frühsommer 1997 weiterführte.DFF/ NOWARK Neugierig: Moderator Lutz Hoff