Offenbach - Vor neun Jahren hat Gerhard Herbert aus Offenbach am Main einen Brief an seinen toten Vater Willy geschrieben. Der Brief ist kurz, Gerhard Herbert kann ihn aus dem Gedächtnis zitieren: „Was Du gemacht hast, geht mich nichts an. Es war Dein Leben. Aber ich habe darunter zu leiden. Ich will damit nichts mehr zu tun haben. Aber ich habe immer noch damit zu tun.“

Geholfen hat das nicht. „Ich möchte ihn hassen, aber ich komme einfach nicht los von diesem Mann“, sagt der 83-Jährige. „Ich kämpfe bis heute.“ Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Mappe mit der Aufschrift „Was wäre wenn“. Darin enthalten: Briefe, Dokumente und Fotos von Wilhelm Ludwig Herbert, SS-Standartenführer in Frankfurt, Darmstadt und Köln – und mutmaßlich beteiligt an der berüchtigten Vernichtungsaktion „Reinhardt“ im deutsch besetzten Polen und der Ukraine, der mehr als zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die Aktenlage, konstatiert der Sohn, lege den Schluss nahe, dass SS-Sturmbannführer Willy Herbert in Polen zum Massenmörder wurde.

„Gedenke der Pflichten“

„Die Büchse der Pandora“, sagt Herbert und nimmt einen Packen Fotos in die Hand. Der Vater 1938 mit Hakenkreuzarmbinde bei einer Weihnachtsfeier im Kölner Repräsentationshaus „Gürzenich“, wo alle großen Feste und Bälle der Stadt stattfinden. Ein Jahr war er da Führer der Kölner SS-Standarte. Zwei Jahre später wird er als Ratsherr im Rat der Stadt Köln sitzen. Ein anderes Foto zeigt Willy Herbert beim Aufmarsch zu Ehren von Adolf Hitlers 50. Geburtstag am 20. April 1939. Und es gibt ein Foto von 1943 in Warschau. „Gedenke der Pflichten, die Du übernommen hast. Dein Vater“, steht handschriftlich auf der Rückseite des Fotos.

Der Sohn schnaubt entrüstet. „Nazi-Sprüche“, sagt er und legt das Foto beiseite, als habe er sich daran die Finger verbrannt. 60 musste er werden, ehe er bereit war, sich mit seiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Fertig ist er damit noch lange nicht. Kürzlich erst hat Herbert dem Kölner NS-Dokumentationszentrum die runengeschmückte SS-Ahnentruhe der Familie übergeben, die bislang auf dem Speicher der Schwester verstaubte. „So, das war’s jetzt“, hat er gesagt, als die Truhe endlich übergeben war – wohl wissend, dass einer wie er „noch lange nicht durch ist mit der Geschichte“.

Seit Jahren tritt der pensionierte Latein-, Geschichts- und Politiklehrer an seiner früheren Schule im hessischen Heusenstamm als Zeitzeuge der Nazizeit auf, um den Neuntklässlern des Adolf-Reichwein-Gymnasiums von seinem SS-Vater zu erzählen und sie auf diese Weise für die Gefahr von rechts zu sensibilisieren. Leicht fällt ihm das nicht. „Es ist wie Prostitution. Ich stehe barfuß da und heule Rotz und Wasser“, sagt er. Dennoch setze er sich dem immer wieder aus. „In der Hoffnung, dass es nicht umsonst ist und dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Der Vater, Willy Herbert, 1904 in Frankfurt am Main geboren, tritt bereits 1926 in die NSDAP ein, ein Jahr später wird er Mitglied der SS und erhält die Nummer 1031. Der gelernte Friseur, inzwischen mit Irma Hofmann, einer Jugendliebe aus Frankfurter Schulzeiten verheiratet, macht schnell Karriere in der Partei. Am 1. Oktober 1933 wird er zum kommissarischen Polizeidirektor in Mainz ernannt und sitzt bis März 1936 als NSDAP-Abgeordneter für den Wahlkreis Hessen-Darmstadt im Reichstag.

Am 1. Oktober 1937 tritt Willy Herbert in Köln die Nachfolge von SS-Standartenführer Josef Fitzthum an. Der Sohn, damals sechs Jahre alt, kann sich gut an die elterliche Wohnung in der fünften Etage des Max-Fleckner-Hauses am Sülzgürtel 32 erinnern: an das überlebensgroße Hitlerbild in der Diele und die mächtige Hakenkreuzfahne. An die Waffen und die Hundepeitsche, die der Vater im „Herrenzimmer“ aufbewahrt. Den Totschläger, der noch „aus den alten Kampfzeiten“ stammt. An die Ahnentruhe im Esszimmer mit dem Jul-Leuchter aus Ton, einem runenverzierten Kerzenständer, der bei der Weihnachtsfeier der SS, entzündet wird.

Heute stehen von dem Gebäude an der Ecke Sülzgürtel/Berrenrather Straße nur noch die ersten drei Stockwerke. Das Haus ist froschgrün angestrichen. Doch wie damals sind im Erdgeschoss eine Apotheke und ein kleines Schreibwarengeschäft untergebracht. Auch die Eckkneipe auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo Herbert oft in einer Siphonflasche Bier holen musste, existiert noch. Manchmal besuchte er den Vater in der Geschäftsstelle der Kölner SS am damaligen Julius-Schreck-Platz, der heute Hültzplatz heißt und nicht weit entfernt liegt vom Kölner Stadtwaldgürtel 35. Hier, in einer Villa des Bankiers Kurt Freiherr von Schröder, fand am 4. Januar 1933 jenes legendäre Geheimtreffen zwischen Adolf Hitler und dem ehemaligen Reichskanzler Franz von Papen statt, das später von Historikern als die „Geburtsstunde des Dritten Reichs“ bezeichnet wurde.

Mit zehn wird Gerhard Herbert Mitglied beim Deutschen Jungvolk – ein schmächtiger Kerl, der lieber liest als Sport zu treiben. Im selben Jahr meldet der Vater ihn in der „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ an, obwohl der Junge kaum taugt für das rigide Erziehungsprogramm der NS-Eliteschule.

Die „Napola“, wie die Kaderschmieden der NSDAP im Volksmund genannt werden, ist in Schloss Bensberg untergebracht, einem barocken Prachtbau aus dem 17. Jahrhundert, der heute das Vier-Sterne-Hotel Schloss Bensberg beherbergt. Herbert leidet. „Dieser Drill war nichts für mich“, sagt er.

1942 wird der Vater zum „Sonderkommando Lemberg“ einberufen. So steht es in einem Personalbogen vom 20. Oktober 1942, den der Sohn 2004 auf Anfrage vom Bundesarchiv in Koblenz erhält. Das für den Vater zuständige Wehrbezirkskommando hatte seinen Sitz im Distrikt Lublin. Auf dessen Gebiet lagen zwei Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“, Belzec und Sobibor sowie das KZ Majdanek.

Ziel der „Aktion Reinhardt“ war die systematische Ausrottung aller Juden, Sinti und Roma im deutsch besetzten Polen und der Ukraine. Damit beauftragt war der Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik. Zwischen 1942 und Oktober 1943 wurden in den Vernichtungslagern Belzec und Sobibor und in Treblinka im Distrikt Warschau mehr als zwei Millionen Menschen ermordet.

Welche Aufgaben in Lublin auf den SS-Sturmbannführer aus Köln warteten, darüber bestehen für den Sohn heute keine Zweifel. Der Vater müsse an der systematischen Vernichtung der Juden im Osten beteiligt gewesen sein. „Nichts anderes ist möglich. Vielleicht gab es sogar Überlebende, die ihn auf Fotos wiedererkannt haben und nach ihm fahnden ließen.“

Der Sohn beginnt erst 1991, nach einem körperlichen Zusammenbruch, damit, sich mit der Rolle seines Vaters im Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Es sollen weitere 13 Jahre vergehen, ehe er in der Lage ist, in Archiven systematisch einer möglichen Täterschaft des SS-Mannes Willy Herbert nachzuspüren.

Ungewöhnlich ist das nicht. Auch prominente „Täterkinder“ wie Niklas Frank, Katrin Himmler oder Richard von Schirach haben Zeit gebraucht, um sich dem Trauma ihres Lebens zu nähern. „Das Thema war eigentlich immer präsent in meinem Leben und hat in mir rumort, seit ich erwachsen bin“, sagt Herbert. „Irgendwann hat es sich ein Ventil gesucht.“

Einfach abgetaucht

Warum er den Vater nie nach seiner Vergangenheit gefragt hat? Herbert zuckt mit den Schultern. Er weiß es bis heute nicht. Erst zehn Jahre nach Kriegsende sehen Vater und Sohn sich auf einem Busbahnhof in München wieder. Willy Herbert ist nach 1945 abgetaucht, ohne sich bei seiner Familie zu melden. Ein Jahr später hat Ehefrau Irma ihn für tot erklären lassen. Doch ihr Mann lebt und arbeitet seit seiner Rückkehr aus dem Krieg unbehelligt in München, zusammen mit einer anderen Frau, die er später heiratet. Erst 1955 holt ihn ein 22 Jahre zurückliegender Mord an dem SS-Mann Wilhelm Schäfer ein. Willy Herbert wird verdächtigt und verhaftet.

Der Sohn erfährt aus der Zeitung von der Festnahme des angeblich toten Vaters. „Mich hat fast der Schlag getroffen, als ich sein Bild sah“, erinnert er sich. „Für mich war dieses Kapitel längst abgeschlossen, und darüber war ich heilfroh.“ Dennoch bemüht er sich um ein Treffen mit Willy Herbert. Kein Wort fällt über die zehnjährige Abwesenheit des Vaters. Kein Wort über seine Zeit in Lublin. „Ich habe null Ahnung, wie wir überhaupt miteinander kommuniziert haben“, sagt Herbert. „Ich war damals ein völlig anderer Mensch als heute. Wahrscheinlich war ich so beeindruckt von diesem Mann, dass ich mich einfach nicht getraut habe zu fragen.“ Doch eines weiß der Sohn noch genau: „Ich habe gedacht: Papa, warum hast du dich ’45 nicht erschossen?“

Einmal noch, bei der Taufe eines Neffen 1963, sehen sich Vater und Sohn wieder. Herbert ahnt bereits genug, um dem knapp 60-Jährigen den Handschlag zu verweigern.

Erst Jahre nach dem Tod des Vaters besucht er dessen Grab in München und legt weiße Kieselsteine darauf, die er zuvor am Wegesrand gesammelt hat – „als Zeichen, dass er wirklich da unten bleiben soll“.