Vom Antifaschismus der DDR, mit dem SED ihre Herrschaft legitimierte, ist nicht viel übrig geblieben. Eines jedoch räumen selbst Kritiker der DDR ein: dass NS-Verbrechen dort konsequenter geahndet worden seien als im Westen. Aber stimmt das überhaupt? Zwei neuere Arbeiten zerstören das sorgsam gepflegte Bild vom antifaschistischen Staat, der unnachgiebig NS-Täter bestrafte.Schon die sowjetischen Militärtribunale und die von ihnen beauftragten ostdeutschen Sondergerichte hatten gleichermaßen aktive Nationalsozialisten, Mitläufer und potenzielle Gegner der neuen Ordnung verurteilt. 1950 war die Strafverfolgung zu einem symbolischen Abschluss gekommen: In den berüchtigten "Waldheimer Prozessen" verurteilte die Justiz im Schnellverfahren knapp 3 400 Personen, darunter KZ-Aufseher ebenso wie anerkannte "Opfer des Faschismus".Die antifaschistische Rhetorik verdeckte, dass die Vergangenheitspolitik der beiden deutschen Staaten parallel verlief. Bundesrepublik wie DDR bemühten sich, das Heer der NSDAP-Mitglieder und Wehrmachtsangehörigen zu integrieren. Eine Strafverfolgung von NS-Verbrechen fand hier wie dort Ende der 1950er praktisch nicht mehr statt. Das änderte sich, als die wirtschaftlich abgeschlagene DDR den Antifaschismus als Propagandainstrument entdeckte. Die Kampagnen gegen die "Naziblutrichter" in Westdeutschland, die Schauprozesse gegen den Vertriebenenminister Theodor Oberländer und Adenauers Staatssekretär Hans Globke zeigten Wirkung: Sie zwangen die Bundesrepublik, NS-Verbrechen juristisch stärker zu verfolgen.Die Erfolge hatten jedoch auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Bei ihren Ermittlungen stießen westdeutsche Staatsanwälte immer wieder auf Beschuldigte, die unbehelligt in der DDR lebten wie Josef Blösche. Bei der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands hatte Blösche - er ist auf dem berühmten Foto des Jungen mit den angstvoll erhobenen Händen zu sehen - Hunderte Juden ermordet. Nach dem Krieg lebte er als Bergmann im thüringischen Urbach. Erst als die Hamburger Staatsanwaltschaft 1966 seine Auslieferung forderte, wurden die DDR-Behörden auf ihn aufmerksam. Das Ministerium für Staatssicherheit griff sofort ein, um die antifaschistische Reputation der DDR zu schützen. In einem vom MfS sorgfältig inszenierten Prozess wurde Blösche 1969 zum Tode verurteilt und hingerichtet.Leide belegt mit Akten aus der Birthler-Behörde, wie das MfS den Umgang mit der NS-Vergangenheit steuerte. Es hortete Akten, mit denen Bundesbürger unter Druck gesetzt wurden, es bestimmte den Rechtshilfeverkehr mit westdeutschen Staatsanwaltschaften und schirmte die DDR gegen den Vorwurf mangelnder Zusammenarbeit ab. Nicht die Staatsanwaltschaft, sondern das MfS entschied, ob Ermittlungen gegen DDR-Bürger eingeleitet wurden. Den Ausschlag gaben außen- und sicherheitspolitische Erwägungen: Gestapomitarbeiter, KZ-Wachleute und Einsatzgruppenangehörige in West und Ost, die sich als Inoffizielle Mitarbeiter verwenden ließen, wurden vor der Strafverfolgung bewahrt. So warb das MfS in den fünfziger Jahren den ehemaligen SS-Hauptsturmführer Franz Bienert an, der als Mitarbeiter der Gestapo in Chemnitz an der Ermordung von Widerstandskämpfern beteiligt war. Das MfS schätzte das konspirative Verhalten ihres "Geheimen Informators": "Aufgrund seiner langjährigen Zugehörigkeit zur Polizei und späterhin zur Gestapo besitzt der Kandidat auf diesem Gebiet große Erfahrungen, sodass wir ihn jederzeit, trotz des Alters, als Ermittlungs-GI und Beobachtungs-GI verwenden können."Rechtshilfe leistete das MfS nur, wo es opportun erschien. So schützte es sogar NS-Verbrecher, die von den Westalliierten in Abwesenheit verurteilt worden waren - wie Dr. Harald Heyns, der als Angehöriger der Sicherheitspolizei in Frankreich den Tod zahlreicher Résistancemitglieder verschuldet hatte. Nur wenn kein Schaden für das antifaschistische Image der DDR zu erwarten war und sich die "braune Bundesrepublik" prangern ließ, wurde ein Strafverfahren eröffnet.Ein gutes Beispiel ist das von Christian Dirks untersuchte Verfahren gegen den stellvertretenden SS-Standortarzt von Auschwitz, Dr. Horst Fischer. Er lebte nach Kriegsende zurückgezogen im brandenburgischen Spreenhagen als Landarzt. Nicht wegen seiner Vergangenheit, sondern wegen seiner Westkontakte geriet er ins Visier des MfS. Da auch die westdeutschen Behörden im Zuge der Frankfurter Auschwitzprozesse gegen ihn ermittelten, bot sich für die DDR die Gelegenheit, in einem parallelen Prozess ihre konsequente Verfolgung von NS-Tätern zu demonstrieren.Der plötzliche Eifer der DDR-Behörden bei der Aufklärung von NS-Verbrechen überraschte Fischer: "Ich war der Meinung, dieses Kapitel wäre abgeschlossen." Das Verfahren gegen ihn vor dem Obersten Gericht der DDR 1966 wurde, wie alle NS-Prozesse, vom MfS minutiös geplant. Von der Eröffnung bis zum Urteilsspruch, von der Pressearbeit bis zu den Reaktionen in der DDR-Bevölkerung kontrollierte es das Verfahren. Dass Fischer nach den Grundsätzen des Völkerstrafrechts - das in einem DDR-Prozess erstmals angewandt wurde - zum Tode verurteilt werden sollte, stand schon vor Prozesseröffnung fest. Das Misstrauen der Sicherheitsbehörden ging so weit, dass einer der wichtigsten Zeugen, der österreichische Kommunist und ehemalige Schreiber im Häftlingskrankenbau von Auschwitz Hermann Langbein, nicht geladen wurde, weil er dem Stalinismus abgeschworen hatte.Das Verfahren wurde gemäß der marxistischen Faschismusinterpretation zu einem Tribunal gegen die IG-Farben instrumentalisiert. Nicht nur dem Arzt des Lagers der IG-Farben in Monowitz sollte der Prozess gemacht werden, sondern auch seinen "Hintermännern", den in der Bundesrepublik lebenden Konzernmanagern. Das MfS verbuchte den Prozess gegen Fischer als Erfolg im Systemkonflikt. Doch ist, wie Dirks betont, die Strafverfolgung von NS-Verbrechen in beiden deutschen Staaten "eine Geschichte der Unterlassungen". Als sich ein DDR-Bürger in den Sechzigern daran machte, die NS-Vergangenheit der politischen Prominenz seines Staats zu recherchieren, beschied ihm das MfS: "Wer Nazi-Verbrecher ist, das bestimmen wir!"------------------------------Christian Dirks:"Die Verbrechen der anderen." Auschwitz und der Auschwitz-Prozeß der DDR: Das Verfahren gegen den KZ-Arzt Dr. Horst Fischer. Schöningh, Paderborn u.a. 2006. 406 S., 39,90 Euro.------------------------------Henry Leide:NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005. 448 S., 29,90 Euro.------------------------------Foto : April 1960, im Obersten Gericht der DDR: Der westdeutsche Vertriebenenminister Theodor Oberländer wird in Abwesenheit wegen NS-Verbrechen verurteilt. Der Schauprozess wird ein Propaganda-Erfolg.