Eine DNA-Spur, die in der 2007 vom NSU-Trio bezogenen Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße gesichert werden konnte, stellt die Ermittler im NSU-Verfahren vor ein Rätsel. Sie führt zu Thomas S., der dem rechtsextremen Trio nach dessen Abtauchen die ersten Fluchtwohnungen in Chemnitz besorgt hatte. S. war im Jahr 2000 vom Berliner Landeskriminalamt als V-Mann rekrutiert worden. Er behauptet bis heute, seit Mai 1998 keinen Kontakt mehr mit Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehabt zu haben.

Die als P42 bezeichnete DNA-Spur fand sich in der Frühlingsstraße an einer Überwachungskamera, die im Wohnzimmer in der Nähe eines Hochbettes vom Trio platziert war. Sie war an einem Blumentopf befestigt und mit einer Plastikpflanze getarnt. An deren Blättern fand sich ebenfalls die DNA-Spur.

Die Analyse erbrachte ein überraschendes Ergebnis: Mit 99,85 Prozent Wahrscheinlichkeit besteht demnach zwischen dem Spurenverursacher und dem heute 46-jährigen Thomas S. eine Vater-Kind-Beziehung. Die Spur stammt also entweder von S.’ Vater – den dieser nicht kennt – oder von einem leiblichen Kind des früheren Neonazis. S. gab jedoch in einer Vernehmung an, nur von zwei Kindern zu wissen, die er mit seiner Lebensgefährtin hat. Beide scheiden aber nach der BKA-Untersuchung aus.

Thomas S. kannte das Trio seit Anfang der 1990er-Jahre. 1996 hatte er eine kurze Affäre mit Zschäpe. Ein Jahr später besorgte er Mundlos das TNT, das später in der Bombenwerkstatt gefunden wurde. Nach dem Untertauchen war S., zu dieser Zeit Vizechef der „Blood&Honour“-Sektion in Sachsen, der erste Anlaufpunkt des Trios.

Die DNA-Spur könnte darauf hindeuten, dass S. ein – möglicherweise inzwischen erwachsenes – illegitimes Kind hat, das nach 2007 Kontakt zum Trio hatte. Dass sich die Spuren an der Überwachungskamera fanden, deutet darauf hin, dass diese unbekannte Person in die illegalen Lebensumstände des Trios und eventuell auch in seine Verbrechen eingeweiht gewesen sein könnte. Somit ist die Spur ein weiterer Hinweis darauf, dass das NSU-Netzwerk größer sein könnte als von der Bundesanwaltschaft angenommen.

Zschäpe geschont?

Derweil ist im Erfurter NSU-Untersuchungsausschuss eine Akte aufgetaucht, die neue Fragen zum Vorgehen Thüringer Behörden gegen das Trio aufwirft. Es geht um ein Ermittlungsverfahren wegen einer Disko-Schlägerei in Jena 1997. Damals hatten mehrere Neonazis – unter ihnen Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt, die ebenfalls in München angeklagten Ralf Wohlleben und Holger G. sowie André K., ein weiterer Beschuldigter aus den NSU-Ermittlungen – eine Schlägerei begonnen und einen Ordner schwer verletzt.

Eine Zeugin gab bei der Polizei zudem an, dass die Frau aus der Gruppe einem anderen Ordner ein Bierglas über den Kopf gezogen habe. Das Opfer bestätigte dies, verzichtete aber auf eine Anzeige. Rätselhaft ist, dass die Staatsanwaltschaft seinerzeit dennoch nicht gegen Zschäpe ermittelte. Aus der Ermittlungsakte geht darüber hinaus hervor, dass die Polizei Zeugen der Schlägerei Lichtbilder der Verdächtigen vorlegte – allerdings fehlten dabei die Fotos von Zschäpe und Mundlos.