Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, soll nach Beobachtungen einer Zeugin in der Woche vor dem Mord an dem türkischstämmigen Kioskbesitzer Mehmet Kubasik in Dortmund gewesen sein. Die Frau habe Zschäpe zusammen mit ihren Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sowie einem „bulligen Skinhead“ auf einem Grundstück in Dortmund gesehen, auf das sie aus ihrem Dachfenster blicken konnte, sagte die Nebenklageanwältin Doris Dierbach am Donnerstag vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Sie beantragte, die Frau als Zeugin zu vernehmen. Mehrere Nebenklagevertreter schlossen sich dem Beweisantrag an. Zschäpes Anwältin Anja Sturm sagte, die Verteidigung müsse den Antrag lesen, bevor sie Stellung nehmen könne.

Die Angaben der Frau seien ein Indiz für eine persönliche Anwesenheit Zschäpes in der Nähe des Tatorts und könnten ein Hinweis sein auf Verbindungen mit der örtlichen Neonazi-Szene, sagte Dierbach. Sie vertritt die Familie des nur zwei Tage nach Kubasik in Kassel ermordeten Halit Yozgat. Warum sich die Dortmunderin erst jetzt – und zudem bei der Nebenklage – meldete, blieb offen. Dafür gebe es Gründe, die sie selbst erklären müsse, so Dierbach.

Der 39-jährige Kubasik war am 4. April 2006 erschossen worden. Der Vater dreier Kinder stand hinter der Theke, als seine Mörder – laut Anklage Mundlos und Böhnhardt – den Laden betraten und ihn mit zwei Schüssen töteten. Zu der Verhandlung kamen am Donnerstag Kubasiks Tochter Gamze und ihre Mutter. Beide sind Nebenkläger.

Bisher gibt es kaum Hinweise auf eine mögliche Anwesenheit Zschäpes im Umfeld von Tatorten. Das wurde als ein Schwachpunkt der Anklage gesehen, da Zschäpe als Mittäterin an allen Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds angeklagt ist. Dem NSU werden zehn Morde und mindestens zwei Anschläge zu Last gelegt.

Die Angaben der Dortmunderin seien ein Indiz, dass die Angeklagte nicht nur – wie von Zschäpes Verteidigung dargestellt – „den Haushalt für die beiden Junges geführt hat“, sagte Dierbach. Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt und der unbekannte Skinhead hätten der Anwohnerin zufolge auf dem Grundstück, rund sieben Kilometer vom Tatort entfernt, gegraben und eine Rutsche und eine Schaukel aufgestellt. Über die Gründe für die Erdarbeiten könne man nur darüber spekulieren, ob dort vielleicht Waffen vergraben werden sollte, sagte Dierbach.

Das Oberlandesgericht hatte zuvor Befangenheitsanträge der Verteidigung gegen alle fünf Richter abgelehnt. Die Anträge waren nach einem Streit um Anwaltsgebühren gestellt worden. (dpa)