München - An diesem Tag also in Altrosa. Auf der Zuschauerempore im Münchner Oberlandesgericht fliegen noch einmal die Finger über die Tastaturen der Laptops, als Beate Zschäpe kurz nach halb zehn den Verhandlungssaal betritt. Die Farbe ihrer Kleidung ist fast schon die einzige Abwechslung in einem Ritual, das nun schon 32 Verhandlungstage andauert. Wie immer betritt die Hauptangeklagte im NSU-Verfahren den Ort des Geschehens, dreht sich um 180 Grad, so dass die Kameras der im Saal positionierten Fotografen nur ihren Rücken vor die Linsen bekommen. Von der erhöhten Tribüne aus ist dann zu sehen, wie sie mit ihren Anwälten plaudert. Ob es dabei um den Prozess geht, um das Wetter oder die Gefängniskost – man weiß es nicht.

Anstehen nicht mehr nötig

Viele Geschichten, die über Deutschlands derzeit größten Strafprozess geschrieben werden, beginnen mit dem Auftritt von Beate Zschäpe. Das liegt daran, dass es sonst nicht viel über die Frau zu berichten gibt. Was sie denkt, das sagt sie nicht. Was sie weiß, das sagt sie nicht. Was sie getan hat, sie sagt es nicht. Die mit Zuschauern und Journalisten stets voll besetzte Tribüne hört Zeugen, Sachverständige und Anwälte reden, und natürlich Manfred Götzl, den Vorsitzenden Richter. Die Hauptangeklagte schweigt.

Am Dienstag ist in München zum vorerst letzten Mal verhandelt worden. Den Beteiligten werden vier Wochen Sommerpause gut tun, bevor es am 5. September weitergeht. Bis Ende 2014 hat der Vorsitzende bereits Termine gesetzt. Was nicht heißen muss, dass der Prozess dann auch wirklich vorüber ist.

Drei Monate lang ist bisher verhandelt worden, und nach all der Aufregung, die es zu Beginn des Verfahrens um die Vergabe der Presse- und Zuschauerplätze gegeben hat, ist die Anfangseuphorie rund um den Gerichtssaal ein wenig verflogen. Die Empore für professionelle und interessierte Prozessbeobachter ist zwar nach wie vor jeden Tag fast voll besetzt, doch niemand muss vor dem Gerichtsgebäude im Morgengrauen anstehen, um Einlass zu erhalten – so, wie es zu Beginn des Prozesses im Mai gewesen ist.

Unten im Verhandlungssaal mutet das Gericht allen Beteiligten seitdem einiges zu. In wilder Reihenfolge springt der Vorsitzende bei der Zeugenvernehmung zwischen den zehn Morden hin und her, zwischen zwei Bombenattentaten, einer Brandstiftung und mehr als einem Dutzend Raubüberfällen. All dies, ohne bis jetzt einen Komplex abzuschließen. Am Dienstag waren es die Fälle Turgut und Yasar. Mehmet Turgut war am 25. Februar 2004 mit drei Schüssen in Nacken, Hals und Kopf getötet worden. Der 25-Jährige arbeitete in Rostock in einem Döner-Imbiss. Weil er mit seinem Bruder Dokumente getauscht hatte, ist er zunächst Yunus Turgut genannt worden. Ismail Yasar starb am 9. Juni 2005, ebenfalls in einem Döner-Imbiss. Er wurde in Nürnberg erschossen.

Überraschung durch Carsten S.

Zur Aufklärung beitragen sollen der Rostocker Rechtsmediziner, der den Leichnam von Mehmet Turgut obduziert hat. „Gehirnzertrümmerung mit Schädelbrüchen bei massiver Bluteinatmung, mithin eine nicht natürliche Todesart“ resümiert der Mediziner. Und es kommt die Polizistin, die als Erste am Tatort in Nürnberg war, und Einblicke in die polizeiliche Ausdrucksweise gibt: „Vom Notarzt wurde festgestellt, dass die Person Ex ist“.

Ein anderer Polizist aus Nürnberg erklärt, er habe im Jahr 2005 einen ausländerfeindlichen Hintergrund der Taten angenommen. Das könnte noch für die Nebenkläger interessant werden, die der Polizei vorwerfen, bei den Ermittlungen geschlampt zu haben. Ansonsten sind Überraschungen vor der Sommerpause ausgeblieben.

Überraschungen wie Mitte Juni, als der Mitangeklagte Carsten S. zu reden begann. Acht Tage lang hatte der Mann, der dem NSU-Trio die Tatwaffe besorgt haben soll, geredet. Er hat sich immer wieder selbst belastet. Er hat den Ermittlern Hinweise für eine weitere Tat geliefert, die diese noch gar nicht im Blick hatten. Bei den Angehörigen der Opfer hat sich Carsten S. entschuldigt.

Die meisten von Ihnen haben sich nach dem Prozessauftakt in München nicht mehr persönlich in den Gerichtssaal begeben. Sie werden regelmäßig von ihren Anwälten vertreten. Dass Manfred Götzl deren Namen zu Beginn eines jeden Prozesses vorliest ist eine Verpflichtung aus der Strafprozessordnung, dass er dies mit einem freundlichen Kopfnicken und Blickkontakt zu dem entsprechenden Advokaten macht, ist Teil des Rituals.

Sachlichkeit herrscht vor

Nebenklagevertreter, Verteidiger und der Vorsitzende haben nach anfänglichen Revierkämpfen zu einem modus operandi gefunden. Nur noch selten muss Götzl einen Juristen zur Ordnung rufen, weil der den Zeugen keine Fragen stellt, sondern eigene Stellungnahmen abzugeben für nötig hält. Schneidig und mit aller Schärfe geht der Vorsitzende dann dazwischen.

Anders als zu Prozessbeginn, als kleinliche Scharmützel die Verhandlung verzögerte, ist Sachlichkeit im Gerichtssaal eingekehrt. Anders ist es außerhalb der Mauern des Oberlandesgerichts: Ein Münchner Boulevardblatt hatte in der vergangenen Woche die Anwälte der Hauptangeklagten auf die Titelseite gehoben und über deren Teilnahme an einer „Champagnerparty“ berichtet.