München - Am frühen Mittwochabend standen die Anwälte von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben vor dem Münchner Gericht an der Nymphenburgerstraße zusammen, rauchten und redeten lange. Am Donnerstagmorgen ergreift Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke das Wort – und gibt es längere Zeit nicht ab. Er vernimmt erneut den inzwischen sichtlich angegriffenen BKA-Mann S. aus Meckenheim, der den Mitangeklagten Holger G. vernommen hatte. Klemke greift an mit seiner sehr scharfen Stimme – mal piano, mal pampig laut. Es ist der Versuch einer Machtdemonstration.

Mit seiner Art erreicht Klemke, dass der BKA-Beamte S. die wichtigste Bemerkung des Tages macht. Demnach geht das Bundeskriminalamt davon aus, dass der V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes, Tino Brandt, in den 90er- Jahren vor dem Abtauchen des Trios zumindest in einem Gespräch mit Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Pro und Kontra von Gewalt im politischen Kampf diskutiert hat. Wohlleben und Holger G. hätten sich dagegen distanziert.

Klemke will eine ganze Menge wissen – und fast immer bleibt der BKA-Mann S. eine Winzigkeit schuldig, ein Detail, das er – ohne jede Art von Unterlagen vor sich – nicht mehr genau aus der Erinnerung zurückholen kann. Zeitweise gerät er völlig durcheinander, wenn er zum Beispiel einen Rundflug auf Usedom, zu dem das Trio Holger G. eingeladen hatte, als „Flug mit der Ceska“ bezeichnet. Es ist ein Versprecher. Er meint das Flugzeug Cessna, nicht die Tatwaffe Ceska, mit der neun der zehn Opfer des NSU-Trios ermordet wurden.

Der BKA-Mann S. will sich als Zeuge nur auf Gesprächsabschnitte einlassen, die protokolliert wurden. Die Verteidigung hingegen möchte vor allem wissen, wie diese Protokolle eigentlich zustande kamen. Dass die Verteidigung von Holger G., die – von einem Fall abgesehen – stets mit am Tisch saß, beteuert, die Gespräche seien exakt aufgezeichnet worden, hilft nicht viel weiter. Je länger die Vernehmung dauert, je mehr schwankt der Zeuge S. zwischen aufflackernder Aggressivität und leichter Hilflosigkeit.

Viel Gelegenheit zum Lächeln

Wohllebens Verteidiger Klemke und seine Kollegen jedenfalls erleben einen ziemlich erfolgreichen Tag. Das ist auch am Mienenspiel der Angeklagten Beate Zschäpes abzulesen. Wirkte sie Anfang der Woche mitunter stark in die Enge getrieben, findet sie nun reichlich Gelegenheit zu lächeln. Die Aussage von Holger G. sei eine „enorme Hilfe“ für die Ermittlungen gegen den NSU gewesen, hatte der Mann vom BKA wiederholt geäußert. Ähnliches wird man von seiner Aussage im Hinblick auf den Prozess nicht unbedingt behaupten können.

Auch der psychiatrische Gutachter, Henning Saß, scheint ein wenig ratlos, wie wenig Substanzielles die Befragung des Beamten S. in Hinsicht auf die Machtkonstellation im Trio ergibt: Als er wissen will, ob es nicht von Bedeutung gewesen sei, dass Uwe Mundlos nach einem Streit für eine Zeit von den anderen beiden getrennt gelebt habe, erhält er eine relativ typische Antwort vom BKA-Beamten S.: „Das haben wir nicht gefragt. Für uns war wichtiger, wo Mundlos dann wohnte.“