Der Angeklagte Carsten S. ist über das Bundeskriminalamt zu laden, steht in der Anklageschrift, die im Münchner NSU-Prozess verhandelt wird. Das bedeutet, dass der 33-Jährige im Zeugenschutzprogramm steht. Denn im NSU-Prozess ist er so etwas wie der Kronzeuge der Anklage. Er hat zugegeben, Ende 1999 die Pistole vom Typ Ceska 83 besorgt zu haben, mit dem die mutmaßliche NSU-Terrorzelle neun Migranten erschossen haben soll.

An den Prozesstagen ab Dienstag will S. umfassend aussagen. Er wird sicherlich das wiederholen, was er auch schon der Bundesanwaltschaft in mehreren Vernehmungen gestanden hat: Dass er damals die Waffe samt Schalldämpfer und 50 Schuss Munition in dem Szeneladen „Madley“ in der Jenaer Innenstadt gekauft, sie anschließend nach Chemnitz gebracht und die Lieferung dort in einem Abbruchhaus an Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt übergeben hat.

"Nur irgendeine Waffe"

Das Geständnis birgt allerdings Risiken für S. Was auch der Grund dafür sein könnte, dass es in einer entscheidenden Frage Widersprüche zu einer anderen Zeugenaussage gibt. S. behauptet, er habe im „Madley“ nur irgendeine Waffe mit Munition bestellt. Der Schalldämpfer sei eine Zugabe des Verkäufers gewesen. Dieser erinnert sich aber anders: Die Bestellung habe eindeutig auf Pistole mit Schalldämpfer gelautet, legte er sich in den Vernehmungen fest.

Die Art der Bestellung könnte das entscheidende Detail sein, das über S.s Haftstrafe entscheidet. Wenn er bewusst eine schalldämpfende Waffe für eine in der Illegalität lebende Gruppe besorgt hat, musste er davon ausgehen, dass diese für Mordanschläge benutzt werden soll. Bei Banküberfällen braucht man gemeinhin solche „Killerwaffen“ nicht. Damit aber wäre der Anklagevorwurf der Beihilfe zum Mord erfüllt. Für S. könnte dies eine Höchststrafe von zehn Jahren bedeuten, weil für ihn als damals 19-Jährigen noch das Jugendstrafrecht gilt.

Einen Strafnachlass könnte es allerdings geben, weil S.s Geständnis den Mitangeklagten Ralf Wohlleben schwer belastet. Laut S. habe der ihm damals den Auftrag gegeben, die Waffe zu besorgen. Nach dem Kauf habe Wohlleben mit Handschuhen den Schalldämpfer der Ceska probehalber abgeschraubt, so S. in seiner Vernehmung. Anschließend habe Wohlleben ihn mit der Waffe nach Chemnitz zu Mundlos und Böhnhardt geschickt. Damit wäre auch bei Wohlleben, der bislang zu den Anklagevorwürfen schweigt, der Straftatbestand der Mordbeihilfe erfüllt. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

Kontakte zum Verfassungsschutz möglich

Wohllebens Anwältin Nicole Schneiders hat eine Erklärung ihres Mandanten angekündigt. Es wird wohl kein Geständnis sein, im Gegenteil: Wohllebens Verteidiger wie wohl auch die von Beate Zschäpe werden alles daran setzen, die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen S. in Zweifel zu ziehen. Dabei wird es sicher auch um Gerüchte gehen, wonach S. seinerzeit Kontakte zum Verfassungsschutz gehabt haben könnte. Aufgekommen waren diese im Jahr 2000, als sich der damals 20-Jährige urplötzlich aus der rechten Szene zurückzog und ins Ruhrgebiet ging. Bis dahin agierte S. als strammer Neonazi in Jena. Einer, der „alles ausgeführt“ habe, was man ihm aufgetragen habe, erinnerten sich ehemalige Mitstreiter an ihn. S. begründet heute den Ausstieg mit seiner Homosexualität, wegen der er in der Szene um seine Sicherheit fürchtete.

Neben S. hat auch Holger G. eine umfassende Aussage vor Gericht angekündigt. Der 39-Jährige muss sich wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung rechtfertigen. G. hatte eingeräumt, sich nach dem Abtauchen des Trios regelmäßig zu sogenannten Systemchecks mit den drei getroffen zu haben. Diese hätten seine Identität zur Tarnung benutzt. Er habe ihnen dafür mehrere Personaldokumente überlassen, darunter zuletzt im Mai 2011 seinen neuen Reisepass.