München - Es wird jedes Mal still im Münchner Gericht, wenn Leid zur Sprache kommt. Es grummelt auch verlässlich im Publikum, sobald ein Zeuge zu mauern scheint, zum Beispiel während der Vernehmungen von Andreas T. Der ehemalige Beamte des hessischen Verfassungsschutzes war am 6. April 2006 Gast im Kasseler Internetcafé Halit Yozgats, und zwar ausgerechnet in dem Zeitraum, in dem Yozgat erschossen wurde. Aber Andreas T. beruft sich auf Erinnerungslücken. „Das weiß ich nicht mehr genau“, so lautet sein Standardsatz.

Der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München aber lässt Andreas T. nicht so leicht entkommen. Die Hartnäckigkeit des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl sollte man nicht unterschätzen. Am Mittwoch näherte sich das Gericht dem Komplex, der das Verhältnis zwischen Verfassungsschützern und ihren V-Leuten betrifft. Befragt wird ein V-Mann, den Andreas T. führte: Benjamin G. ist 33 Jahre alt und von Beruf Gebäudereiniger. Er ist ein großer Mann mit Bart, der eine raue, laute Stimme hat. Andreas T., seinen V-Mann-Führer, nannte er „Alex“. Mit ihm redete er in Kassel über die Hooligan- und die rechte Szene. Er selbst sei nicht mehr Mitglied der Szenen gewesen, habe aber noch gewusst, wo „was stattfand“, zum Beispiel bei Sonnenwendfeiern oder bei Fußballspielen. Benjamin G. trat 2000 aus der „Kameradschaft Kassel“ aus, „das waren 50, 60 Rechtsradikale“, dann ging er zur Bundeswehr. Mit den rechtsextremen Kameraden habe er zu diesem Zeitpunkt gebrochen.

„Doofe Sprüche“ über den Mord

2004 begann er, sich mit Andreas T. zu treffen. Sie gingen zusammen essen und T. machte sich Notizen. T. vereinbarte ihre Termine per Telefon. Mitte 2006 erfuhr Benjamin G. dann, dass sein V-Mann-Führer beurlaubt worden sei. Beim letzten Telefonat habe T. einen hektischen Eindruck gemacht, anders als sonst. Benjamin G. sagte, er habe danach mit einem V-Leute-Führer namens „Heinz“ zusammengearbeitet, allerdings nicht mehr lange. Wenn er Andreas T. sehe, solle er ihn nicht mehr grüßen, habe es geheißen. Ein Ermittlungsverfahren gegen T. laufe, sagte „Heinz“, jener habe schließlich die „Schüsse hören müssen, denn jeder normale Mensch hat ja Ohren“.

Ob er über den Mord an Halit Yozgat mit Freunden gesprochen habe, fragt Richter Götzl Benjamin G. „Gebilligt hätte ich das nicht“, gibt G. zurück, aber da habe es auch Leute gegeben, „die fanden das richtig“. Das seien „so doofe Sprüche“ gewesen, er sei nicht umsonst im Jahr 2000 aus der Kameradschaft ausgetreten, sagt Benjamin G. Er sei da meistens „zum Saufen und Grillen“ hingegangen, seltener zu Demos, „da waren mehr die, die mehr im Kopf hatten“.

Je länger Benjamin G. redet, desto besser versteht man, wie dumpf diese Verhältnisse gewesen sein müssen. Man fragt sich, was sich ein Verfassungsschützer von den Treffen mit G. versprochen hat. Der wiederum konnte das Geld gut gebrauchen, er bekam monatlich 225 Euro, anfangs waren es 275 Euro gewesen. Andreas T., so erinnert sich der Zeuge Benjamin G., hätte es gern gesehen, wenn sein V-Mann G. sich wieder in die Szene integriert hätte. Das aber wollte G. seiner Aussage zufolge nicht.

Thomas Bliwier, der Anwalt der Familie Yozgat, hält Benjamin G. eine Nachricht vor, die dieser auf dem Mobiltelefon seines V-Mann-Führers Andreas T. hinterlassen habe. „Ich bin’s, Benni, es ist Post gekommen. Kannst ja mal anrufen...“ Benjamin G. erinnert sich daran nicht, sagt er. Es könne sich womöglich um Andreas T.s Anliegen gehandelt haben, er solle Mitglied bei der rechtsextremen Partei Die Republikaner werden. Mehr wisse er nicht, auch seine Erinnerungslücken sind groß.

Als sich Benjamin G. tatsächlich einmal den Nachfragen der Nebenklage stellen will – es soll dabei um seine Gespräche mit Verfassungsschützern gehen, nachdem Andreas T. nicht mehr zur Verfügung stand – hat die Bundesanwaltschaft etwas gegen jegliche Einlassung.