„Abgründe“ und „Unheil“ heißen die beiden Bücher, die Josef Wilfling nach seiner Zeit als Leiter der Münchner Mordkommission geschrieben hat. Wilfling ist maßgeblich beteiligt gewesen an der Aufklärung der Mordfälle Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer, aber natürlich auch an weniger prominenten Fällen. Am Donnerstag blättert er, mittlerweile pensioniert, noch einmal die Akte auf, die den Mord an Habil Kilic beleuchtet: 38-jährig wird Kilic im August 2001 in München-Ramersdorf im Gemüseladen seiner Frau umgebracht. Abgrund und Unheil kommen zur Deckung. „Es war“, sagt Wilfling, „wie eine Hinrichtung“.

Die Polizei ist schnell vor Ort. Zunächst stützen sich die Einsatzkräfte auf die Aussage einer Frau, von der sich später herausstellt, dass sie ihre Erkenntnisse komplett zusammenfantasiert hat. Weiterhin erinnern sich Zeugen an zwei Männern in Radfahrermontur, die in der Nähe des Ladens gewesen seien. Von heute aus (und mit dem Nürnberger Mord an Enver Simsek im Gedächtnis) lassen sich schnell Verbindungslinien ziehen. Damals jedoch habe man zwar eine Fahndung nach den Radlern ausgeschrieben. Nur ging die Suche ins Leere.

Am hellichten Tag in einem belebten Gebiet

Aus dem Umfeld von Kilic, der ein „arbeitsamer und humorvoller Mann“ gewesen sei, kamen Hinweise auf PKK und Graue Wölfe. Mit denen hatte Kilic, wie man heute weiß, nie etwas zu tun. Auch in der Münchner Großmarkthalle, wo Kilic einkauft, wird so manches Gerücht gestreut. Wilfling sagt, man wisse ja, dass die Großmarkthalle ein Drogenumschlagplatz sei. Zudem war Kilic in finanziellen Schwierigkeiten. Eine Beziehungstat wird ausgeschlossen, doch erinnert sich Wilfling an andere Morde „an türkischen Mitbürgern“ zu dieser Zeit.

Die Nebenkläger haben viele Fragen, die Bundesanwaltschaft – die Nachfragen zu Versäumnissen der Behörden überhaupt nicht schätzt – bittet darum, sich nicht zu verzetteln. Und der Vorsitzende Richter hat einen heftigen Disput mit einem türkischen Verteidiger, der eine tribunalartige Frage stellt. Emotional geht es so hoch her, wie seit Beginn des Prozesses nicht.

Nicht weit entfernt von Kilics Laden war eine Polizeidienststelle. Die Beamten holten bei Kilic ihre Pausenmahlzeiten. Die Tat geschah am helllichten Tag in einem belebten Gebiet. Die Täter hatten eine Pistole in einer Plastiktüte eingewickelt. Habil Kilic hatte niemandem etwas getan – und musste sterben.

"Die Polizei hat bis in die Türkei meine Familie untersucht"

Am Nachmittag kommt Pinar Kilic, die Witwe des Opfers, zu Wort. Sie spricht über ihren Mann. Er sei ein sehr guter Mensch gewesen, ein anständiger Mann, ein guter Familienvater. Mehr will die 51-Jährige nicht sagen. Ob ihr Lebenslauf wichtiger sei „als eine Strafe für diese Frau?“ Sie deutet in Richtung Beate Zschäpe, die zu Boden schaut.

Frau Kilic ist sehr erregt. Ihr Mann war damals allein in München; sie kam erst nach dem Mord zurück aus dem Urlaub in der Türkei mit der gemeinsamen Tochter. Sie sei wie eine Verdächtige behandelt worden. „Die Polizei hat bis in die Türkei meine Familie untersucht.“ Sie habe keine Nerven mehr.