Es war eine Premiere und gleichzeitig ein Finale: Zum ersten Mal äußerte sich Ilona Mundlos, die Mutter des NSU-Terroristen Uwe Mundlos, am Donnerstag in der Öffentlichkeit. Mit ihrer Zeugenaussage im NSU-Prozess schloss das Oberlandesgericht München das Kapitel Eltern. Essenz der Vernehmungen: In den Elternhäusern gab es keine eigenen rechtsextremen Tendenzen – doch der wachsenden rechtsradikalen Gesinnung ihrer Kinder waren die Eltern nie gewachsen.

Beim Eintreffen von Ilona Mundlos im Gericht starrt Beate Zschäpe unbeteiligt auf ihren Computer. Vor rund 20 Jahren ging die Hauptangeklagte im NSU-Prozess im Haushalt der Zeugin ein und aus: Sie war die erste feste Freundin von Uwe Mundlos. „Sie war freundlich zu mir“, erinnerte sich die 63-jährige Ilona Mundlos.

Vor dem Hintergrund der brutalen Mord- und Anschlagsserie klingen die Worte der Mutter über ihren Sohn verstörend zärtlich. Sie müsste schwindeln, „um zu sagen, er war ein böses Kind“. Immer hilfsbereit und offen sei ihr Sohn gewesen. Sehr liebevoll sei Uwes Umgang mit dem zwei Jahre älteren, seit Geburt schwerbehinderten Bruder gewesen, mit dem er ein Zimmer teilte. „Sie sind eingeschlafen, haben sich die Hände gehalten.“ Hat die Mutter hier ihre eigene Wirklichkeit geschaffen oder gab es einen Bruch vom liebevollen Bruder zum erbarmungslosen Mörder? Die Hilfsbereitschaft hatte auch schon ihr Mann Siegfried betont.

Der Vater berichtete auch ausführlicher von den allmählich entstehenden rechtsradikalen Tendenzen seines Sohnes. Nach der Wende sei er nach rechts abgedriftet. Der Vater stand dem hilflos gegenüber, wie er es schilderte. Die Mutter will nur selten etwas von der Rechtsradikalität mitbekommen haben. Die Bomberjacken habe sie als „schicke, praktische Jacken“ gesehen. Nur als Uwe eine braune Uniform anzog, habe sie ihm das nicht durchgehen lassen. „Das mein Kind so rumrennt, das geht gar nicht.“ Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den rechten Ideen gab es nicht.

Gleichberechtigt im Trio

Eine eigene, rechte Gesinnung lässt sich beim Ehepaar Mundlos nicht feststellen, so war es auch beim Ehepaar Böhnhardt. Und so wie das Ehepaar Mundlos das Ausmaß der Radikalisierung ihres Sohnes nicht erahnt haben will, war es auch beim Ehepaar Böhnhardt.

Offen bleibt im Kapitel Eltern nach der Aussage der Familien Mundlos und Böhnhardt das Familienleben von Beate Zschäpe. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, er ist inzwischen tot. Die Mutter wiederum machte von ihrem Recht Gebrauch, als Angehörige die Aussage zu verweigern – weil ihre Söhne tot sind, konnten die Eltern Böhnhardt und Mundlos dies nicht.

Sowohl die Eheleute Mundlos als auch die Eheleute Böhnhardt äußerten sich übereinstimmend freundlich über Zschäpe, die mit beiden Uwes eine Beziehung hatte. Doch trotz der Freundlichkeit belasteten beide Familien Zschäpe auch. Denn Mutter Böhnhardt nannte diese „gleichberechtigt“ mit den Uwes, Mutter Mundlos beschrieb ihr „Durchsetzungsvermögen, sie lässt sich nicht alles gefallen“.

Für die Anklage ist dies wichtig: Sie sieht Zschäpe in dem NSU-Trio als vollwertiges Mitglied und damit Mittäterin der Morde – das Kapitel Eltern stützt diese These. (AFP)