MÜNCHEN - Und dieses Nervenbündel soll eine Gruppe mutmaßlicher terroristischer Mörder unterstützt haben? Holger G. wirkt konfus. Anderthalb Jahre hatte er Zeit gehabt, sich auf diesen Tag vorzubereiten. Jetzt hetzt der Angeklagte im Münchner Schwurgerichtssaal durch seine Aussage, atemlos, im Stakkato einzelner Satzfetzen. Vergeblich versucht Manfred Götzl, der sonst so strenge Vorsitzende Richter im NSU Prozess, ihn zunächst mit väterlicher Güte dazu zu bringen, deutlicher zu sprechen und auch einmal Luft zu holen. „Ruhe bewahren. Schön langsam. Wir haben die Zeit.“ Zweimal wird für diesen inzwischen immerhin 39-Jährigen Mann die Sitzung unterbrochen. Es wird ein Mikrofon mit längerem Hals besorgt, damit er sich nicht so weit vorbeugen muss.

Dreimal setzt Holger G. von neuem an: 1974 geboren. Schulzeit von 1980 bis 1989 in Jena. Jungpioniere. FDJ. Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker. Nach der Wende arbeitslos. ABM. Zweite Ausbildung zum Qualitätsfachmann. Umzug nach Hannover. 15 Jahre tätig als Lagerist. Aufstieg zum Vorarbeiter. Betriebsrat. „Es hat Spaß gemacht.“

2011 wird er verhaftet als NSU-Unterstützer. Nach der Haftentlassung hat er wieder Arbeit gefunden. Jetzt erhält er Hartz IV, da er wegen der Verhandlungstage dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehe. Das ist der eine Teil seines Lebens.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte: Der Tag vor Gericht belegt, wie leicht beeinflussbar Holger G. ist. Mühelos gelingt es Götzl, diesen Angeklagten mit kurzen, mal freundlichen, mal strengeren Bemerkungen, mit präzisen Nachfragen durch dessen Leben zu führen, ihn zu beruhigen. So entsteht ein Bild davon, was diesen Menschen umtreibt. Und vieles spricht dafür, dass das, was G. sagt, der Wahrheit ziemlich nahe kommen könnte.

Erschrocken über die Waffe

Holger G. hat seinen leiblichen Vater kaum gekannt. Der hatte die Familie 1977 verlassen, später Selbstmord begangen. Die Mutter findet einen neuen Lebensgefährten. Der Stiefvater stirbt 1986. Holger wird zum „Nesthäkchen“, die Geschwister ziehen aus. Die Mutter schenkt dem Pubertierenden alle Liebe und Fürsorge. Die Vaterfigur fehlte: „Es gab keinen Schlag in den Nacken“, den Holger G. damals nach eigener Einschätzung gebraucht hätte.

Er wurde zum „schwarzen Schaf“ in der Familie. Der bisher ordentliche Schüler sackte ab, musste wegen „auffälligem Verhalten“ immer wieder zum Direktor, wurde beim Appell vor der ganzen Schule kritisiert. G. entwickelte einen „Hang zu Subkultur“. Er wurde Punk. Am Ende fliegt Holger G. von der Schule.

Er spricht voll Hochachtung von seiner Familie, dem Zusammenhalt. „Auch während der Haftzeit waren sie immer alle da. Man war nie allein.“ Ohne die Familie hätte er all das nicht ausgehalten. Vor allem aber nicht ohne die Lebensgefährtin, die er 2007 kennengelernt hat. „Die fordert einen, so wie ich es brauche.“ Sie hat seinem Leben Struktur und Verantwortung gegeben. „Sie nimmt einen in die Pflicht. Es wird einem nichts geschenkt.“ Sie sagt: „Mach. Tu.“ Die Freundin fällt aus allen Wolken, als sie 2011 von seinem Vorleben erfährt. Und sie hält zu ihm: „Ich kenne dich. Ich liebe dich.“

Kein Filmriss

Holger G. berichtet, wie er in Hannover das „Trinken gelernt“ hat, nie während der Woche, nie während der Arbeit. Aber am Wochenende. „Da war ich meist betrunken und irgendwann zu Hause.“ Er habe aber immer noch laufen können, nie einen Filmriss gehabt. „Ich war kein Alkoholiker.“ Jetzt trinke er kaum noch. G. berichtet von einer Zeit mit Speed und Ecstasy, so zweimal im Monat. Und von seiner Spielsucht. Er hat an Automaten gespielt, war ein „Quartalsspieler“. Anfangs waren es 50 DM, später bis zu 300 Euro. Er hatte Schulden. Er hat sie abgezahlt. Jetzt spielt er nur noch selten.

„Ich habe wenige Freunde.“ Wie viele, will Götzl wissen. „Einen“, sagt G. Er nennt den Namen nicht. Freundschaft bedeutet für ihn eine „starke emotionale Bindung“, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, „dass der auch sagt, du hast Scheiße gemacht“. Früher hatte G. einige Freunde mehr: Beate Zschäpe etwa, die Hauptangeklagte, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, das Trio also, das die NSU gebildet haben soll, jene Mördergruppe, die zehn Menschen umgebracht hat.

Und damit ist Holger G. an jener Stelle, von der an er nicht mehr frei berichten, nur noch eine vorbereitete Erklärung verlesen will. Es geht um die Taten, die ihm vorgeworfen werden. Wer ihn hört, weiß, warum dieser Mann jedenfalls jetzt keine Fragen beantworten will. Er rast durch seinen Text, stöhnt auf, hält sich am Ende den Kopf. Das ist keine Schauspielerei. Er ist am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Alles nur Theorie

Holger G. bestreitet keinen der „objektiven Tatbeiträge“, die ihm die Bundesanwaltschaft vorwirft. Er könnte das angesichts der Beweislage auch schwer. Aber er bestreitet vehement, gewusst und gewollt zu haben, welche Verbrechen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe auch dank seiner Hilfsdienste begangen haben sollen. Die seien seine Freunde gewesen, zu denen er aufgeschaut habe, bei denen er sich sicher gefühlt habe. Sie seien ursprünglich eine Jugendclique gewesen, die politisch etwas verändern wollte. Man habe damals auch über Gewalt geredet, aber nur selten, für ihn sei das alles „theoretisch“ gewesen. Er habe sich bis zum Auffliegen des NSU nie vorstellen können, dass die drei derartige Gewalttaten begangen haben könnten, „nicht in meinen Träumen“.

Die Bundesanwaltschaft wirft G. vor, sich mit Zschäpe und Co. bis 2011 immer wieder getroffen zu haben. „Systemchecks“ seien das gewesen. G. sagt, man habe zusammengesessen und sich unterhalten, nur selten über Politik, viel mehr über die alten Zeiten, über Computerspiele, über die Freizeit. G. bestreitet nicht, dem Trio zwei Pässe zur Verfügung gestellt zu haben, seinen Führerschein und die Krankenversicherungskarte einer Bekannten. Die drei hätten ihm gesagt, sie würden damit keinen Unsinn machen. „Holger, du kannst dich auf uns verlassen.“ Er habe das freiwillig getan. Nur 2011 bei der Übergabe eines Passes hätten die drei ihn unter Druck gesetzt. Er habe gewusst, dass dies rechtlich nicht in Ordnung war, aber nicht geahnt, dass mit den Ausweisen die Fahrzeuge für Morde angemietet wurden.

Nur kurz berichtet G. von der Waffe, die er – auf Betreiben des Mitangeklagten Ralf Wohlleben – dem Trio überbracht hat. Er habe einen Beutel bekommen und erst während der Zugfahrt ertastet, was darin war. „Ich war erschrocken und wütend.“ Übergeben hat er sie dann aber doch. Diese Waffe wurde nicht für die Morde verwendet. Er hat den Untergetauchten Geld geliehen und Geld von ihnen erst verwahrt, dann selbst verbraucht. Ab 2004 sei er aus der rechten Szene ausgestiegen, sagte Holger G. Das sei ein Jahre währender Prozess gewesen. An den alten Freundschaften aber habe er festgehalten.

Am Ende sagt der Angeklagte: „Bis zum Tod der Uwes wusste niemand von der Terrorzelle. Dies gilt auch für mich.“ Holger G. bittet die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung, spricht ihnen sein Mitgefühl aus. „Ich bin bereit, für meinen Teil Verantwortung zu übernehmen.“