München - Er redet sich um Kopf und Kragen. Das macht ihn glaubwürdig. Den vierten Tag wird der Angeklagte Carsten S. im NSU-Prozess nun schon vernommen, am Dienstag erneut von den Vertretern der Nebenkläger. Warum er denn im Jahr 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen sei, wollen sie wissen. War es die Nachricht, das Terror-Trio habe einen Menschen angeschossen? Er hatte ihnen ja eine Waffe besorgt. Nein, sagte Carsten S., das war nicht der Anlass.

Seine Homosexualität sei ein Anlass gewesen. „Ich muss hier raus“, habe S. gedacht. Ein kurzer Aufenthalt im Gefängnis, seine Eltern, die höhere Position in der NPD, für die er hätte kämpfen sollen, was er nicht wollte – all das seien Auslöser gewesen. Über eine Abkehr von der rechten Ideologie spricht er kaum.

Er lässt die Sätze in der Luft hängen, wenn er darüber spricht, weshalb er das Trio unterstützte. Wenn es darum geht, wie er mit ihnen Kontakt hielt, sprudelt es hingegen aus ihm heraus: „Wir haben immer aufgepasst, dass wir am Telefon nichts großartig sagen, weil wir davon ausgegangen sind, dass wir abgehört werden.“ Die Unterstützer waren sich der Überwachung durch den Staats- und Verfassungsschutz bis 2001 also bewusst. Sie hätten die Kennzeichen von Autos der Staatsschützer gekannt und versucht, ihnen zu entkommen, indem sie etwa von einem Parkplatz aus in verschiedene Richtungen weggefahren seien. S. habe immer geprüft, ob ihm jemand folgt.

Wie nahe ihm der Verfassungsschutz wirklich war, davon habe er keine Ahnung gehabt. Er wird mit einem Papier konfrontiert, aus dem sich ergibt: Die Geheimdienstler wussten von Beginn an, dass er Kontakt zu den untergetauchten NSU-Terroristen hielt und wie. Sie kannten sogar seine Handynummer.

„Reise durch den Wahnsinn“

An den vorhergegangenen Prozesstagen hatte Carsten S. über einen Bombenanschlag in Nürnberg im Jahr 1999 gesprochen, der bisher nicht dem NSU zugeordnet worden war. Am Dienstag bestätigte die Bundesanwaltschaft, dass wegen des Anfangsverdachts auf versuchten Mord nun Ermittlungen gegen Beate Zschäpe eingeleitet wurden.

Unterschiedlich bewertet wird derweil die Bedeutung des Briefes, den Zschäpe an einen Häftling in Bielefeld schickte, ebenfalls ein Anhänger der rechtsextremen Szene. Zschäpe schreibt auf den 26 Seiten nichts über die zehn Morde, an denen sie als Mittäterin beteiligt gewesen sein soll. Der Brief gibt aber Einblicke in ihre Gefühlswelt: „Das ist mein Leben. Die Bürde muss ich erhobenen Hauptes tragen. Eine Reise durch den Wahnsinn, durch Licht und Dunkelheit.“ Auch dass Zschäpe in der Haft Stimmungsaufheller und Schlafmittel bekommt, lässt sich dem Brief entnehmen. Sie schreibt: Auch eine längere Inhaftierung könne tragbar sein, „und das ohne sich selbst zu verlieren“.

Einige Prozessbeobachter lesen aus dem Brief ein großes Selbstbewusstsein heraus. Sie sehen darin einen Beleg, dass sie sich nicht vom Rechtsextremismus gelöst hat. Mehrere Nebenklagevertreter fordern, dass der Brief im Prozess verlesen wird.