NSU-Prozess: Rätsel um möglichen weiteren NSU-Anschlag

Mit knapp eineinhalbstündiger Verzögerung ist am Mittwoch der NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht fortgesetzt worden. Der Beginn der Verhandlung war am Morgen verschoben worden, weil einer der Angeklagten „unpässlich“ war, wie eine Gerichtsmitarbeiterin mitteilte. An diesem neunten Prozesstag soll der Angeklagte Carsten S. weiter vernommen werden. Der wegen Beihilfe an neun Morden angeklagte 33-Jährige hat bereits an drei Verhandlungstagen ausgesagt und dabei den Mitangeklagten Ralf Wohlleben belastet. Am Dienstag hatte Carsten S. zudem überraschend von Andeutungen der mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf ein bisher unbekanntes mögliches Attentat in Nürnberg berichtet.

Am Mittwoch bekräftigte er seine Aussage, wonach ihm entweder das NSU-Mitglied Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos 1999 von einer Taschenlampe berichtet hätten. Nach Aussage des Angeklagten Carsten S. hatten die mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos davon gesprochen, dass sie „irgendwo in Nürnberg in einem Laden eine Taschenlampe hingestellt“ hätten. Ihm sei erst nach dem Treffen mit den beiden bewusst geworden, dass die Aussage sich auf einen möglichen Anschlag bezogen haben könnte.

Das Oberlandesgericht (OLG) München hat am Mittwoch auf Grundlage dieser Aussage eine Anfrage an den Generalbundesanwalt gestellt. Er habe für Abklärungen im Hinblick auf das „Stichwort Taschenlampe“ Kontakt zur Bundesanwaltschaft aufgenommen, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl.

Inzwischen gibt es Spekulationen, die Äußerungen könnten sich auf einen Rohrbombenanschlag auf eine von einem türkischstämmigen Migranten betriebene Kneipe in Nürnberg bezogen haben. Die Nürnberger Nachrichten veröffentlichten einen Bericht, der im Juni 1999 über diesen Anschlag veröffentlicht wurde. Demnach entdeckte ein 18-jähriger Mitarbeiter der Gaststätte damals beim Toilettenputzen dort einen etwa 30 Zentimeter langen Gegenstand, den er für eine Taschenlampe hielt. Als er sie anstellen wollte, sei es zur Explosion gekommen. Der Mann habe Verletzungen am Oberkörper, im Gesicht und den Armen Verletzungen erlitten. Nach kurzer Zeit habe er aber das Krankenhaus verlassen können.

Dem Bericht zufolge sah das Landeskriminalamt damals keinen Hinweis auf einen möglichen ausländerfeindlichen Hintergrund. Wie bei anderen NSU-Verbrechen wurde offenbar zeitweise in Richtung Schutzgeld-Kriminalität ermittelt. Der Rohrbombenanschlag gehört auch nicht zu den Fällen, die dem Bundeskriminalamt (BKA) im Vorjahr zur Prüfung auf eine mögliche Beteiligung der NSU-Terroristen vorgelegt wurden.

Das Gericht befragte Carsten S. am Mittwoch weiter zu möglichen Details rund um seine mutmaßliche Rolle als Helfer des NSU-Trios Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe. Böhnhardt und Mundlos hatten sich im November 2011 auf der Flucht vor der Polizei selbst getötet. S. ist wegen Beihilfe zum neunfachen Mord angeklagt. Er soll die Waffe als Bote übergeben haben, mit der der NSU neun Migranten erschossen haben soll. Diese Waffenübergabe gestand der 33-Jährige. (dpa, AFP)