München - Im Prozess um die rechte Terrorzelle NSU in München ist am Mittwoch Kai D. als Zeuge vernommen worden. Dabei ging es zunächst um seine Verbindung zum Zwickauer Trio und zum Thüringer Heimatschutz (THS), einem Verbund mehrerer Nazi-Kameradschaften. An eine Begegnung mit Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe könne er sich nicht erinnern, sagte D. vor Gericht: „Ich kann nicht ausschließen, dass ich mit denen irgendwann mal an einem Tisch gesessen habe, aber ich habe keine Erinnerung daran.“ Den THS, dem auch Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe angehörten, kenne er hingegen von zahlreichen Treffen.

D.s Aussage war mit einiger Spannung erwartet worden, denn vor knapp zwei Jahrzehnten war der heute 50-Jährige eine der einflussreichsten Neonazigrößen in Bayern und Thüringen. Zudem gehörte der geborene West-Berliner damals zu jener Handvoll Spitzenquellen, die der Verfassungsschutz seit Ende der 1980er-Jahre mit großem finanziellen und materiellen Aufwand an Knotenpunkte der militanten rechten Szene geschleust hatte.

Mit solchen Einflussagenten wollte sich der Geheimdienst die Möglichkeit verschaffen, die rechte Szene zu steuern und zu kontrollieren. Der Fall der NSU macht jedoch deutlich, wie sehr diese Strategie gescheitert ist. Am Beispiel von V-Leuten wie Kai D., der von 1987 bis zur Jahrtausendwende mit dem bayerischen LfV kooperierte, könnte der Münchner Prozess daher auch die Frage einer Mitverantwortung staatlicher Behörden an der NSU-Mordserie aufklären.

D. gab vor Gericht an, er habe seinerzeit Tino Brandt – einem weiteren Verfassungsschutzspitzel – beim Aufbau des THS geholfen und vor allem dessen politische Arbeit in der rechten Szene mit Propagandamaterial unterstützt.

Der THS habe aber auch über viele Waffen und Sprengstoff verfügt. Brandt, von dessen V-Mann-Tätigkeit D. damals schon gewusst haben will, habe sich „extrem für Gewaltaktionen“ eingesetzt. „Brandt hat die Szene radikalisiert und dafür gesorgt, dass sie militanter wird“, sagte D. So könne er sich daran erinnern, dass die Thüringer Neonazis einmal ein Polizeiauto überfallen hätten. Er selber habe die Aktion damals im Gespräch mit Brandt als „unnötige Gewalt“ verurteilt. Damit widerspricht er Brandt, der vor Gericht ausgesagt hatte, militante Aktionen radikaler Kräfte im Heimatschutz unterbunden zu haben.

Neuer Anwalt für Zschäpe?

An der Vernehmung Brandts im vergangenen Juli hatte sich ein Konflikt zwischen der Angeklagten Zschäpe und ihren Verteidigern entzündet. Zschäpe war damals offenbar unzufrieden damit, dass ihre Anwälte Brandts Aussagen nicht genug hinterfragten, und beantragte die Entpflichtung ihrer Verteidiger.

Mit dem Antrag scheiterte sie zwar, aber nun will Zschäpe offenbar einen weiteren Verteidiger verpflichten. Nach Informationen der Berliner Zeitung hat sie den Mannheimer Rechtsanwalt Marc Jüdt am 1. und 12. September zu Konsultationen in der JVA München-Stadelheim empfangen. Die Treffen fanden jeweils ohne Gesprächsüberwachung und ohne Trennscheibe statt. Prozessbeobachter schließen nicht aus, dass Jüdt bereits nach dem Jahreswechsel als vierter Verteidiger von Zschäpe am Prozess teilnehmen könnte. Jüdt ist ein erfahrener Strafverteidiger, der zuletzt unter anderem in Rockerprozessen Beschuldigte vertrat.