NSU-Prozess : Schwierige Suche nach Details

München - Neun Schüsse trafen Enver Simsek, der an diesem Tag südlich von Nürnberg-Langwasser ausnahmsweise selber Blumen verkaufte. Sonst lieferte er nur zu, es war der 9. September im Jahr 2000, und das ist, wie der Vorsitzende Richter Manfred Götzl zu einem Zeugen im Münchner NSU-Prozess sagt, „ja nun schon eine ganze Zeit her“.

Andererseits gibt es ein besonderes Erinnerungsband zwischen dem mutmaßlich ersten Mord des NSU und der Gegenwart. Semiya Simsek, die damals 14-jährige Tochter, hat, unter anderen mit ihren Anwälten, ein Buch über ihre Erinnerungen geschrieben.

Wer er es liest, in dem regt sich: Scham (um das Mindeste zu sagen). Scham auch deshalb, dass Mitglieder der Familie Simsek zuerst als Hauptverdächtige galten. Semiya Simseks Anwälte sind in München unter den Nebenklägern. Sie selbst ist nicht im Gericht, denn sie erwartet, immer noch in Deutschland lebend, in diesen Tagen ihr erstes Kind.

Es ist nicht immer leicht, bei den vielen Zeugen und Experten den Überblick zu bewahren. Was ist wirklich wichtig? Was wiederholt sich nur? Die mutmaßlich besten Experten im Gerichtssaal schweigen ohnehin. Oder schauen weg. Als Dutzende von Bilder vom Inneren des Lieferwagens projiziert werden, in dem Enver Simsek schwer verletzt und in einer großen Blutlache liegend gefunden wurde (zwei Tage später starb er), setzt Beate Zschäpe die Brille ab, wickelt ein Hustenbonbon aus und führt lächelnd Unterhaltungen mit ihren Anwälten.

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Es geht nur langsam voran. Bis Dezember 2014 sind inzwischen Verhandlungstermine benannt, insgesamt ungefähr 200. Warum geht es so langsam? Ein Beispiel. Geladen ist der Zeuge Günther B., 63 Jahre alt aus Nürnberg. Er kommt an jenem 9. September 2000 mit seinem Sohn im Auto am Tatort vorbei. Im Auto ist es warm, die Scheiben sind heruntergekurbelt. Als sie Enver Simeks Lieferwagen passieren, hören sie, sagt Günther B., „mehrere metallische Schläge“.

Dann sieht er – so meint er sich jedenfalls heute zu erinnern – „zwei Männer in Radlerkleidung davongehen, eine beige Baseballkappe hatte einer an, der andere kurze Haare“. Günther B. findet den „Vorgang ungewöhnlich – und kein übliches Verhalten“. An herumstehende Räder erinnert er sich nicht. So steht es im Vernehmungsprotokoll, das wenige Tage nach dem Mord angefertigt wurde.

Konfrontiert mit dem Protokoll von damals, bestätigt Günther B. die Sache mit der Radlerkleidung, an geschilderte Details allerdings kann er sich nur bedingt erinnern. „Sorry“, sagt er, „nichts mehr da.“ 13 Jahre sind eine lange Zeit.
Später sagt der Sohn von Günther B. aus, Achim E. Auch er sah, wie sein Vater, die beiden Männer, die sich vom Lieferwagen entfernten am 9. September 2000. „Größe, Alter, Kleidung?“, fragt der Richter. „Schwierig“, antwortet Achim E. Es ist sein am häufigsten verwendetes Wort. Es ist ein ziemlich normaler Verhandlungstag in München.