München - Etwa vier Stunden nachdem Habil Kilic von zwei Schüssen getötet worden war, haben die Rechtsmediziner den Leichnam des Gemüsehändlers untersucht. Am Dienstag, fast zwölf Jahre nach den Schüssen, hat der zuständige Mediziner noch einmal vor dem Münchner Oberlandesgericht erklärt, was damals bei der Untersuchung zu Tage getreten ist. Ein Mittelgesichtsdurchschuss und ein Hirnschädeldurchschuss habe man diagnostiziert.

Der Gemüsehändler war das vierte Opfer der Terrorgruppe. Und vor drei Wochen ging es in dem NSU-Verfahren schon einmal um diesen Mord: Warum die Fahnder die Tat und die Täter in Bereich der Organisierten Kriminalität vermuteten, in Reihen der Mafia, der PKK – aber nicht im rechtsradikalen Umfeld. Pinar Kilic, die Witwe des Ermordeten, hatte aus ihrer Wut gegenüber den Ermittlungsbeamten keinen Hehl gemacht.

Professionelle Hinrichtung

Den Vortrag des Oberarztes konnte nur verstehen, wer sich professionell mit Medizin beschäftigt. Der Ingenieur für Waffentechnik, der für das bayerische Landeskriminalamt die ballistische Untersuchung vorgenommen hat, wusste das Ergebnis seiner Untersuchungen in klarere Worte zu fassen. In eine Plastiktüte sei die Waffe gewickelt gewesen, beim ersten Schuss habe das Opfer noch gestanden, beim zweiten sei er schon in einer deutlich tieferen Haltung gewesen. Mit ein paar Holzpuppen stellte der Sachverständige die Situation nach. In dem Modell sieht die Szene aus wie eine professionelle Hinrichtung.

Der Mediziner und der Ballistiker, sie haben den Vorteil, aus zwölf Jahre alten Protokollen zitieren zu können. Die Zeugin S. hat diese Möglichkeit nicht. Frau S. wohnt heute wie vor zwölf Jahren in der Nachbarschaft des Gemüseladens und hat am Morgen des Tattages zwei auffällige Radfahrer beobachtet. Lüften habe sie gewollt, sagt Frau S., und die Beiden beim Radeln am Haus gesehen. Da habe sie schimpfen wollen, weil man die Radel doch nicht ans Haus zu stellen habe. Irgendwie habe sie die Beiden dann doch nicht gescholten.

Die Beobachtung ist deswegen interessant, weil man heute davon ausgeht, dass die beiden Männer Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos gewesen sein könnten. Weil sich die Radler nie auf Zeugenaufrufe hin gemeldet hatten, sehen die Nebenkläger ein Indiz für mögliche Ermittlungsfehler: Man hätte die potenziellen Zeugen auch als Täter in Betracht ziehen können und so Abstand von der türkischen Szene gewonnen, in der nach den Mördern gefahndet wurde.

Allerdings: Keiner der Verfahrensbeteiligten sollte eine wichtige Argumentation auf das Erinnerungsvermögen von Frau S, aufbauen. Osteuropäer habe sie in den Männern erkannt, beteuert die Rentnerin im Prozess, auch wenn sie bei den Vernehmungen durch die Polizei anderes behauptet hatte.

Widersprüche zwischen protokollierter Aussage und der Erinnerung vor Gericht gibt es auch bei Frau K. Die Zeugin hatte die Leiche Habil Kilics entdeckt. Ob zwei oder drei Kinder in ihrer Begleitung waren, ob sie den am Boden liegenden Mann gesehen haben oder nicht – die Aussagen vor Gericht sind andere, als die in den Polizeiakten.