München - Im Münchener Gericht liegt am 127. Verhandlungstag des NSU-Prozesses ein Knistern in der Luft, bevor Tino Brandt befragt werden soll. Als eine Nebenklägerin wegen der vielen anderen schon aufgetretenen Zeugen aus der rechten Szene, die sich meist an fast erinnern, darauf hinweist, dass man auch Ordnungshaft verhängen könne, wird der Vorsitzende Richter zum ersten Mal seit Monaten richtig fuchtig: Manfred Götzl verbittet sich lautstark und wütend Belehrungen. Er ist konzentriert, aber auch leicht nervös. Dann kommt, in Handschellen, der Zeuge.

Tino Brandt ist ein kleiner, schwerer Mann von fast vierzig Jahren, mit rundem Kopf, Brille und Stoppelhaarwuchs. Er hat Einzelhandelskaufmann gelernt, ist arbeitslos und sitzt derzeit in der Justizvollzugsanstalt Gera ein. Man wirft ihm unter anderem sexuellen Missbrauch von Jugendlichen vor.

Er hat eine schnarrende, unwirsche Stimme. Es schwingt immer Abwehr mit, wenn er redet. Aber er redet. Götzl will Brandts Geschichte als Rechtsradikaler, NPD-Führungskraft und V-Mann des Verfassungsschutzes ausleuchten, Brandt ist eine der zentralen Figuren in diesem Verfahren, vielleicht sogar die zentrale Figur. Götzl sagt, wie immer: „Erzählen Sie mal.“

Brandt beginnt seine politische Laufbahn in den frühen 90er-Jahren als Initiator des sogenannten Thüringer Heimatschutzes, da habe man nach der Wende „alle Jugendlichen in Thüringen, die ähnliche Meinungen hatten, kennengelernt“, also „die beiden Uwes, Beate, Herrn Wohlleben, André K., alle.“ Man sei sich einig gewesen, dass das wiedervereinigte Deutschland „kein Rechtsstaat“ sei. Das denkt Brandt noch heute.

Seit 2001 habe er keinen Kontakt mehr zur Kameradschaft Thüringen, nachdem der „Fehler seines Lebens“ aufgeflogen sei: Seit 1994 hatte er ein Zweitleben geführt und für den Verfassungsschutz gearbeitet, Deckname Otto, wahlweise Oskar. Soweit er sich erinnere.
Beate Zschäpe hat Brandt bei einem Stammtisch kennengelernt – und auch später immer bei Demonstrationen und Schulungen getroffen. Uwe Mundlos sei der „Enkel“-Typ gewesen, „dem hat jede Oma sofort vertraut“, sehr kommunikativ, vom Denken her „nationaler Sozialist“. Bei Brandt, der auch Bücher vertrieb, bestellte er Werke über Rudolf Heß und die Waffen-SS. Mundlos, sagt Brandt, konnte auch „argumentativ begründen“, was er dachte. Böhnhardt sei schweigsamer gewesen, „hatte auch nicht so viel gelesen“. Mit Waffen und Wehrsportübungen will Brandt nichts zu tun gehabt haben.

Brandt soll 200 000 Mark bekommen haben

Es dauert zwei, drei Stunden, dann ist es auch bei Brandt so weit: An vieles erinnert er sich nicht mehr. Was er zum Trio Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sagen könne, habe sich in seinem Kopf vermischt „mit den vielen Sachen, die man aus der Presse mittlerweile weiß“. Die drei seien „immer als Gruppe aufgetreten“, Zschäpe habe wohl „ständig gewechselt zwischen den beiden Uwes“. Sie sei, so hat es sich Brandt zurechtgelegt, bestimmt „keine dumme Hausfrau gewesen“, habe sich gut „mit Rechtsfragen und dem Germanentum“ ausgekannt.

Als die drei 1998 in den Untergrund gehen, sammelt Brandt in rechtsradikalen Kreisen für das Trio, am Ende kommen ein paar Tausend Euro zusammen. „Und den Rest hat ja dann das Landesamt Thüringen gespendet.“ Brandt hat sichtlichen Spaß an solchen Formulierungen. Seiner Aussage nach soll der Landesverfassungsschutz kurz nach dem Abtauchen des Trios Geld an dieses geschickt haben – über Brandt. Auf die Nachfrage Götzls, ob das Geld tatsächlich ausdrücklich für die Weitergabe an das Trio bestimmt war, antwortete Brandt: „Soweit ich mich erinnere, war das direkt für die Weitergabe.“ An die Höhe erinnere er sich nicht mehr. Auch, an wen er das Geld weitergeben habe, könne er nicht mehr mit Sicherheit sagen. Er vermute, es habe sich um jemanden aus der Jenaer Rechtsextremisten-Szene gehandelt, der unmittelbaren Kontakt zum Trio hielt.

Daran, dass er Pässe besorgt haben soll, erinnert sich Brandt nicht. Wohl aber habe er Telefonzellen ausgesucht, in denen er angerufen werden konnte. Mehr und mehr seien die Kompetenzen unter den anderen Helfern von André K. auf den Mitangeklagten Ralf Wohlleben übergegangen, gegen den im Prozess immer mehr Belastendes zusammengetragen wird.

Brandt soll für seine Tätigkeit als V-Mann bis zu seinem Auffliegen 2001 insgesamt 200 000 Mark bekommen haben. Zu „strafbaren Sachen“ habe er sich nie äußern müssen, sagte er. Er fügt an, dass er das auch nicht getan hätte. (mit dpa)