München - Der Rostocker Polizeibeamte Andreas M. ist am 49. Verhandlungstag im Münchner NSU-Prozess als Zeuge geladen. Norddeutsch im Ton, knapp in der Schilderung der Details, aber immer noch hörbar bewegt, berichtet M. über den Tag an dem Mehmet Turgut in einem kleinen Kebab-Stand in Rostock-Toitenwinkel ermordet wurde. Laut Anklage erschossen die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrundes Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den 25-Jährigen. Das mutmaßliche dritte Mitglied der Neonazi-Gruppe, Beate Zschäpe, ist als Mittäterin an sämtlichen Anschlägen angeklagt.

Als Kommissar Andreas M. zur Spurensicherung am 25. Februar 2004 am Tatort eintrifft, füllt die Ärztin bereits den Totenschein aus. Der Imbisswagen „Mr. Kebab“ , in dem Turgut als Aushilfe arbeitete, steht an einem nur Anwohnern bekannten Trampelpfad. „Wir haben uns gefragt“, sagt der Beamte, „wer kommt in so eine Gegend?“

Und er berichtet weiter: „Ich als Einheimischer war noch nie an diesem Ort. Der ist sowas von abgelegen.“ Unter der Blutlache finden sich zwei Projektile im Boden, ein weiteres Projektil an einer Leiste. „Die Menschen, die hier reingingen, wollten nicht rauben oder zerstören, die wollten einfach nur töten“, sagt der Kriminalist. Seiner Meinung nach sei das Opfer „überwältigt, zu Boden gebracht, fixiert und dann getötet“ worden. Der Anwalt des Angeklagten Ralf Wohlleben, Olaf Klemke, fragt sofort nach, woher er das denn so genau wisse mit der Fixierung? Andreas M. antwortet: „Kein Mensch hält freiwillig still, wenn er eine Waffe am Hals hat.“ Es gab keinerlei Kampfspuren. „So etwas“, sagt er, „habe ich noch nie gesehen.“ Er ist seit dreißig Jahren im Dienst.

In die Polizeiakten, aber auch noch in die Anklageschrift, geht der Tote als Yunus Turgut ein. So aber heißt der beim Prozess auch anwesende Bruder. Dieser hatte mit Mehmet Turgut, dem Opfer, in der Türkei Jahre zuvor die Identität getauscht. Nach Angaben von Yunus wollten die Brüder mit dem Identitätswechsel dem Wehrdienst entgehen.

Mehmet Turgut war mehrfach ausgewiesen worden, nachdem er als 15-Jähriger von zwei Cousins nach Deutschland geschleust worden war. Asylanträge wurden stets abgelehnt, weil er eine Verfolgung daheim nie nachweisen konnte. Turgut hatte im Imbissstand von Haydar Aydin, dem Betreiber, ausgeholfen. Aydin findet Turgut am Mordtag um kurz nach zehn Uhr, als er verspätet eine Lieferung bringt.

Vier Morde mit derselben Waffe sind bis 2004 bereits geschehen. Aydin berichtet am Mittwoch als Zeuge, wie er damals befragt wurde, unter anderem von einem Beamten aus Nürnberg, „zwölf, dreizehn Stunden lang“. Der Mann von der Sonderkommission „Bosporus“ unterstellt ihm, „genau Bescheid“ zu wissen. In Rostock bildet sich die Soko „Kormoran“. Da die Tatwaffe dieselbe ist wie bei den bisherigen sogenannten „Döner“-Morden, geben die Ermittler nach einer guten Woche die Zuständigkeit ans Bundeskriminalamt ab. Ein ausländerfeindlicher Hintergrund der Tat wird ausdrücklich ausgeschlossen.