Im Zusammenhang mit dem Mord an einem Jungen in Jena vor mehr als 20 Jahren hat die Staatsanwaltschaft Thüringen auch den späteren mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt ins Visier genommen. Böhnhardt sei damals als Zeuge vernommen worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera am Dienstag. Er sei allerdings nicht als Beschuldigter oder Tatverdächtiger geführt worden.

Die Leiche des neunjährigen Jungen namens Bernd Beckmann war 1993 an der Saale in Jena gefunden worden. Der Tatverdacht richtete sich nach Angaben des Justizsprechers gegen Enrico T. In der Nähe des Toten sei ein Bootsmotor entdeckt worden, der T. gehörte. Dieser bestritt, etwas mit dem Tod des Jungen zu tun zu haben. Ein Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene hatte hingegen wenige Monate nach dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) behauptet, dieser „steht auf kleine Kinder“. T. brachte seinerzeit wiederum den Namen Böhnhardt ins Spiel. Die beiden waren häufiger gemeinsam auf der Saale unterwegs. Doch schließlich zerbrach die Freundschaft. T. betonte, Böhnhardt sei der Einzige gewesen, der gewusst habe, wo sein Boot lag.

„Die Ermittlungen haben damals nichts Konkretes erbracht“, sagte der Justizsprecher. Das Mordverfahren sei aber nach wie vor nicht abgeschlossen, weil bislang kein Täter ermittelt wurde. So bestehe auch die Möglichkeit, Spuren mit neuesten technischen Methoden erneut zu untersuchen. Die Ermittler hüllen sich über die Frage, was das genau bedeutet, ebenso in Schweigen wie hinsichtlich der Frage, ob der Junge sexuell missbraucht worden ist – aus ermittlungstaktischen Gründen, wie es heißt. So gehörten Informationen über einen möglichen sexuellen Missbrauch zum „Täterwissen“ und könnten deshalb im Fortgang der Ermittlungen noch entsprechend wertvoll sein.

Kriminelle Kumpels

Böhnhardt und T. gehörten Anfang und Mitte der 90er-Jahre derselben Jugendbande in Jena an. Beide galten als hoch kriminell. Böhnhardt wurde im Februar 1993 wegen mehrerer Diebstähle und Körperverletzung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Im Juni 1993, wenige Wochen vor dem Verschwinden Bernd Beckmanns am 6. Juli, kam er frei.

Im August darauf, nur wenige Tage, nachdem Beckmanns Leiche am Saale-Ufer gefunden wurde, stand er erneut vor Gericht. Ende des Jahrzehnts tauchte er unter. Enrico T. fiel 1993 ebenfalls mit seiner ersten schweren Straftat auf. Er soll versucht haben, mit einem gestohlenen Radlader die Front einer Bankfiliale einzufahren.

Enrico T. spielt auch im Münchener Prozess um die Terrorserie des NSU eine Rolle. Die Anklage wirft ihm vor, er sei Teil jener Kette gewesen, die die Mordwaffe des Typs Ceska für die mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos beschafft habe. Dem NSU werden zehn Morde und zwei Bombenanschläge angelastet. Vor dem Oberlandesgericht München muss sich unter anderem die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe verantworten. Sie soll mit Böhnhardt und Mundlos, die sich nach einem missglückten Banküberfall im November 2011 das Leben genommen hatten, den NSU gebildet haben.

Der Prozess währt seit über einem Jahr. Zschäpe hüllt sich in Schweigen. Viele Zeugen aus der Neonazi-Szene mauern. Derweil dauern die Ermittlungen in dem sehr umfangreichen NSU-Komplex an. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es noch zu weiteren kriminalistischen Wendungen kommt. Der NSU-Opferanwalt Mehmet Daimagüler sagte der Berliner Zeitung: „Ich habe aus dem Umfeld des NSU so viel gehört, dass mich nichts mehr überrascht.“ (mit dpa, AFP)