Der Schwarzhandel mit Nuklearmaterial. Insbesondere mit dem Nuklearsprengstofl Plutonium. blüht. So sehr, daß Experten der Internationalen Atomenergle-Organlsation IAEO erst vorlge Woche darüber berieten, wie die iAEO künftig ihre Mitglieder Im Kampf gegen Atomschmuggel unterstützen kann. Welche Möglichkeiten haben terrorlstlsche Gruppen, Mißbrauch zu treiben und gar eine Atombombe zu bauen. fragte Michael Ochel den Nuklearexperten Dr. Gerhard Locke.Berliner Zeitung: Wieviel Plutonium benötigt man mindestens zum Bau einer kleinen Atombombe? Zwei, vier oder acht Kilogramm? Dr. Gerhard Locke: Technisch möglich ist es, eine Plutonium-Bombe mit weniger als einem Kilogramm spaltbaren Materials zu bauen! Das setzt aber die Beherrschung ausgeklügelter Sprengstofftechnik voraus. Nur Kernwaffenstaaten verfügen über die entsprechend hochreineri und hochangereicherten Ausgangsmaterialien, Terroristengruppen nicht. Sie würden infolge mangelnden Know-hows mehr Material benötigen, denn je schlechter die vorhandene Technologie ist, desto mehr Plutonium ist erforderlich. Acht Kilogramm brauchen Sie für eine sehr, sehr primitive Plutoniumbombe. Kurz gesagt: Die Leute, die mit weniger als einem Kilogramm auskommen, haben sowieso das Waffenplutonium, und diejenigen, die es irgendwo zusammenscharren müssen, sind nicht in der Lage, mit dieser Menge auszukommen.Doch selbst mit den erforderlichen Mergen des nuklearen Sprengstoffs ist es nicht getan.Nein. Die Bombe muß ja erst daraus gebaut werden. Dazu benötigen Sie ein gar nicht so kleines Team exzellenter Fachleute für die sogenannte heiße (d. h. radlaaktive) Chemie, Elektronik, Feinmechanik usw. Insbesondere von Sprengstoff-Imploslonstechnlk mussen Sie eine Menge verstehen.Um die unterkritischen Massen zu einer überkrltischen zusammenzuschieflen und so die Kettenreaktion auszulösen. Das kann doch nicht so schwer sein. In der Theorie nicht. Aber Sie unterschätzen die enal~men Ingenieurtechnischen Probleme. Das ,Zusammmenschießen" zweier unterkritischer Massen hat man zunächst auch mit einer Art Kanonenrohr versucht. Die Hiroshima-Bombe, eine Uranbombe, hat nach diesem Prinzip funktioniert. Bei Plutonium treten mit dieser Methode Probleme auf. Um diesen Spaltstoff wirksam zu zünden, muß man das sogenannte Imploslonsprinzip anwenden: Dabei wird eine unterkritische Masse dadurch überkritisch gemacht, daß man sie durch Zündung einer konventionellen Sprengladung komprimiert. Praktisch sieht das so aus, daß Sie z. B. um eine Plutonlum-Hohikugel Sprengstoff anbringen, nach dessen Zünden dle Hohlkugel zu einer Vollkugel mit viel kleinerer Oberfläche und höherer Dichte wird. Die Plutonium-Bombe von Nagasaki war bereits eine solche lmploslonsanordnung. Und nun versuchen Sie einmal in einer Garage allein dieses sprengtechnische Problem zu lösen, einschließlich von Probesprengungen, ohne daß es jemandem auffällt. Das muß man ja nicht im dichtbesiedelten Mitteleuropa tun. Genau damit sind wir bei der Frage, wer oder welche Verschwörung unterhalb der Schwelle einer staatlichen Organisation so etwas überhaupt machen könnte. Eine Organlsation wie die Baader-Meinhoff-Gruppe etwa könnte noch keine Bombe bauen. Dazu Ist eine Organisation nötig, dle in der Lage Ist, Milliarden Dollar zu bewegen. Die könnte die Spezialisten glelch mit einkaufen und dann Irgendwo Im Urwald herumexperimentleren.Ich ahne, es Ist für kleinere Terror-Gruppen leichter oder effektiver, das zusammengekaufte Plutonium nicht zur Explosion zu bringen, sondern direkt damit Mißbrauch zu treiben, ist es doch ho&radioaktiv und auch giftig.Plutonium "schleßt" mit Atomkernen des Hellums. Deren Reichweite in Luft beträgt aber nur wenige Zentimeter, und Kleidung können sie schon nicht mehr durchdringen. Gefährlich wird Plutonium erst, wenn Sie es -- etwa in Form feinen Staubes -- einatmen und es sich in der Lunge oder anderen Organen festsetzen. Die ständige Strahlung würde hier nach einiger Zelt mlt Sicherheit Krebs verursachen. Warum aber soli ein Terrorist den Aufwand treiben: das Plutonium mühsam beschaffen, es sicher lagern um es dann zum Zwecke der Erpressung vielleicht in einem Warenhaus zu deponieren? Derjenige, der das Material "ausstreut", wäre selbst hochgradig gefährdet. Da gibt es doch viel einfachere und effektivere Möglichkeiten: konventionelle Sprengladungen oder Rattengift. Der einzige "Vorteil" von radioaktivem Material wäre die psychologische Wlrkung auf die Bevölkerung.Wie steht es mit der Möglichkeit, einen kompletten nuklearen Sprengkopf zu entwenden, etwa aus ehemaligen sowjetischen Armeebeständen?Über das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Satelliten waren ca. 15 000 kleinere taktische Kernwaffen (ab eine Kilotonne TNT bis einige zehn Kilotonnen TNT) z. B. Gefechtsköpfe für taktische Raketen geringer Reichweite, verteilt. Angeblich sind diese alle nach Rußland zurückgezogen worden und dort unter Kontrolle. Kann man bei dieser Riesen-Stückzahl wirklich sicher sein, daß nicht eln paar fehlen? Ein Kernsprengkörper repräsentiert auch ohne "Schwarzmarktaufschlag" einen Wert der Größenordnung Millionen Dollar. Andererseits sind hundert Dollar pro Monat im heutigen Rußland ein sehr gutes Gehalt. Die Versuchung, komplette Kernsprengkörper in Länder zu verschieben, welche dafür die Millionenbeträge zahlen, ist somit sehr groß.Unser Gesprächspartner beschäftigt sich seit 1956 mit der friedlichen Anwendung der Kerntechnik und seit 1968 im Auftrag staatlicher Stellen der Bundesrepublik auch mit Fragestellungen, die mit Nuklearwaffen zusammenhängen.