Nur einen Katzensprung vom Alexanderplatz entfernt. in Grabkammern der Parochialkirche, wurden in den letzten Tagen mehr als zehn Mumien oder Teile davon entdeckt. Was mit den 35 unterirdischen Gruften geschieht, die heute fast 300 Jahre alt sind, ist noch offen."Betreten verboten" -- das Schild hängt am Eingang zu den Grabkammern unterhalb der Parochialkirche in der Klosterstraße. Seit Januar ist eine Fachfirma vor Ort, um die Särge umzulagern, die seit 1970 in fünf Grüften eingemauert waren. Als Pfarrer Hartmut Scheel vor gut einem Jahr durch eine kleine vergitterte Luke leuchtete, bemerkte er zwischen aufgestapelten Särgen menschliche Gliedmaßen, die ein wenig an den bekannten Ritter Kahlbutz aus Kampehl erinnern (die Berliner Zeitung berichtete).Der Pfarrer kannte bereits Geschichten, daß die luftigen Kellergewölbe an der Klosterstraße gut geeignet seien, um Tote auf Dauer zu erhalten. Sechs Jahre zuvor hatte eine Mumie auf dem nahegelegenen UBahnhof Fahrgäste erschreckt. Zu nächtlicher Stunde entdeckten Passagiere auf den Treppenstufen eine leblose Gestalt.Suche nach PilzsporenGerichtsmediziner stellten dann jedoch fest, daß es sich nicht um ein Mordopfer handelte, sondern um einen Menschen, der bereits vor 150 Jahren gestorben war.Die Mauer vor den bisher verschlossenen fünf Gruften in der Parochialkirche ist nun abgerissen. Fachleute gehen mit Masken und Schutzkleidung vor. Sie untersuchten als erstes, in welcher Konzentration Pilzsporen vorhanden sind, denn diese könnten zu einer Gesundheitsgefahr werden. Die Grabkammern in der Klosterstraße werden deshalb desinfiziert. Fachleute versuchen auch Reste der Kleidungsstücke zu retten. Die vorgefundenen Särge und Mumien werden zunächst in andere Kammern umgelagert.Bereits geöffnet wurde ein mit Leder überzogener Sarg. In diesem liegt ein mumifizierter Überrest von Geheimrat Scultetus von Unfried, einem finanzkräftigen "Vater" der Gemeinde. Er wurde 1705 in der Gruft beigesetzt. Den Anfang machte aber aller Wahrscheinlichkeit nach ein anderer Geheimrat: Von Berchem, der 1701 bestattet wurde."Zwei Jahre vo" der Einweihung der Kirche sind also die Grabstätten schon genutzt worden. Die Namen aller Bestatteten sind uns bekannt", erklärt Pfarrer Friedrich-Wilhelm Hünerbein. Vor allem Honoratioren fanden dort ihre letzte Ruhe, so zum Beispiel der Leibarzt des "Großen Friedrich" und der Präsident der Sozietät der Wissenschaften, D. E. Jablonski.580 Bestattungen sollen insgesamt in den Gewölben vorgenommen worden sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg -- von der Kirche blieb nur eine Ruine -- trieben Plünderer immer wieder ihr Unwesen. Deshalb entschloß sich der damalige Pfarrer, alles, was in den Grüften noch vorhanden war, zusammenzutragen und einfach einmauern zu lassen.Aufbahrung erwogenIn vier Wochen wird die Fachfirma ihre Arbeit in den Grüften voraussichtlich beendet haben. Was noch zum Vorschein kommt, ist nicht abzusehen. "Dann soll entschieden werden, was weiter geschieht", so Pfarrer Friedrich-Wilhelm Hünerbein. In Erwägung gezogen werde beispielsweise, einen Teil der Kammern wieder als Begräbnisstätten zu nutzen oder Mumien öffentlich aufzubahren.Überlegt werde auch, ob ein kleines Museum zu Bestattungsriten eingerichtet wird. Diese Entscheidung sei jedoch schwierig, weil der Landeskonservator unter dem Sparzwang die erforderlichen Mittel nicht bereitstellen kann, um das zu erhalten, was in der Gemeinde denkmalwürdig ist. Dies betrifft vor allem den Kirchturm, dessen Sanierung gestoppt werden mußte. Teile des Turmstumpfes drohen abzustürzen. Eine entdeckte Mumie.wie ~ewoibe unter der Parochialkirche sind gegenwärtig gesperrt. Fachleute, die Schutzbekleidung tragen müssen, räumen und desinfizieren fünf Grabkammern. Foto: Glanze