VON KARL-HEINZ BERGMANNBERLIN, 1. November. Hu Yianguo ist einer der einflussreichsten Sportführer Chinas. Der oberste Chef für den Bereich "Kleine Bälle". Wozu Tischtennis, Handball, Volleyball, Hockey und Golf zählen. "Ein überaus freundlicher Mann, mit dem man über alles reden kann", weiß Henning Opitz, Vorsitzender des Handball-Verbandes Berlin, aus der Erfahrung zahlreicher Treffen.Beide hatten nach der Frauen-Weltmeisterschaft im Dezember 1997 den Weg geebnet, dass Chao Zhai als erste und bis heute einzige Handballerin Chinas nach Europa wechseln durfte. Um in Hinblick auf die Olympischen Spiele 2000 in Sydney und darüber hinaus für einen späteren Einsatz als Trainerin Erfahrungen zu sammeln.Chao Zhai wurde zum Glücksfall für den Berliner VB 49, ließ manche im Verein schon vom Europapokal träumen, zumal Hu Yianguo frühzeitig eine Verlängerung des Vertrages, der durch die Städtepartnerschaft zwischen Peking und Berlin möglich geworden war, über das Jahr 2000 hinaus in Aussicht stellte.Aussichten, die inzwischen mehr und mehr getrübt sind. Denn bei allem Entgegenkommen, in einer Frage lasse die chinesische Seite keine Kompromisse zu, sagt Henning Opitz. "Hu Yianguo hat mir klipp und klar erklärt, dass Chao Zhai nur bleiben darf, wenn sie in dem kommenden Jahr wieder in der Eliteliga spielt." Denn selbst mit 176 Treffern hatte die wurfgewaltige Rückraumspielerin in der zurückliegenden Saison den Abstieg des BVB 49 nicht verhindern können. Permanente FinanznöteDas Problem liegt nicht in Peking, sondern in Berlin. Die deutsche Hauptstadt versinkt in der Handball-Zweitklassigkeit. Bei den Männern rangiert Blau-Weiß Spandau sogar im unteren Tabellendrittel. Angesichts der permanenten Finanznöte ist eine Änderung ausgeschlossen. Bei den Frauen aber tummeln sich dessen ungeachtet gleich drei Berliner Teams im Zweitliga-Vorderfeld. Doch nicht der selbsterklärte Favorit BVB 49, für den alles andere als der sofortige Wiederaufstieg "eine Katastrophe" wäre, wie Trainer Rüdiger Bones vor Saisonstart erklärte, liegt an der Spitze. Tabellenführer nach sieben Spieltagen ist vielmehr Lokalrivale SG GutsMuths mit 10:4 Punkten, auf Rang drei folgt TuS/Tasmania Neukölln (9:5), erst dann kommt Berliner VB 49 (8:6). Spätestens seit Sonntagabend wissen die Lichtenbergerinnen, welche Zukunft ihnen ohne Chao Zhai droht. Das BVB-Team, das zudem seit vielen Monaten auf die verletzte Josefine Grosse verzichten muss, unterlag GutsMuths 22:24 (12:9). Erstmals ohne die Chinesin, die sich mit dem Nationalteam auf die WM vorbereitet und erst Ende Dezember zurückkehrt. Chao Zhai fehlte hinten und vorn. "Es sah schon traurig aus", gestand Trainer Bones dann auch ein. Die beste Rückraumspielerin agierte so bei GutsMuths. Alexandra Armenat versteht nicht nur glänzend Regie zu führen und Tore zu werfen, die 26-Jährige hat sich auch Gedanken über den Weg aus der Berliner Handball-Zweitklassigkeit gemacht: "Alle drei Mannschaften, die jetzt mit an der Spitze spielen, in einen Topf werfen und daraus ein starkes Team für die Bundesliga und ein zweites für die zweite Liga formen." Die frühere TSC-Spielerin ist sich aber auch bewusst, dass dies nur theoretische Überlegungen sind, eine Durchsetzung am Vereinsegoismus scheitert. "Schade, aber wohl nicht zu ändern", sagt sie resignierend. Und so bleibt der Traum vom Europapokal-Handball in Berlin wohl auf Dauer ein Traum ohne Chao Zhai sowieso.CHAO ZHAI Mehr als 1000 Tore für Chinas Auswahl // In 108 Länderspielen erzielte Chao Zhai mehr als 1 000 Tore. Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta besiegte sie mit China in der Partie um Platz fünf Deutschland 28:26.Mit 176 Treffern war die 27-Jährige in der Saison 1998/99 nach Emilia Luca (Mainzlar) beste Torewerferin der ersten Bundesliga. 50 Tore Mal traf sie dabei vom Sieben-Meter-Punkt.In den ersten sechs Partien der laufenden Saison erzielte Chao Zhai 71 Tore fast zwölf je Begegnung und damit nahezu die Hälfte aller Treffer der BVB-Frauen insgesamt (164).