Am Anfang steht eine geologische Tiefenbohrung. In nüchterner Wissenschaftsprosa wird ein großer Bogen von der letzten Eiszeit bis zur nahen "Dersertifikation" geschlagen; erst wenn die Erde wieder wüst und unbewohnt ist, wird "die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst" gleichen. Alles, was Menschen gebaut, wofür sie gekämpft und gelitten haben, wird spurlos vom Erdboden verschwunden sein - wie der Gärtner, der mit seinen stummen Auftritten das Dutzend Episoden aus einem Jahrhundert deutscher Geschichte rahmte und trennte. Er sät und erntet, hegt und pflegt, redet mit dem Grünzeug und den Bienen, aber selten mit den Menschen. Er war immer da und wird ewig bleiben, als Teil der Natur und schweigender Hausgeist.Die zwölf Geschichten, die sich um das Reethaus am Scharmützelsee ranken (in dem Jenny Erpenbeck eine "sehr schöne Kindheit" verbrachte), erzählen von Krieg, Flucht und Vertreibung, von der Heimat Utopie und der Utopie Heimat.So wie das Anwesen unter Parzellierung, Nachbarschaftskonflikten, Schimmel und Verfall, litten auch alle Besitzer und Gäste unter Zeit und Gesellschaft: Die Großbauerntochter Klara, die als erste aus der "Welt des Benehmens" ausscherte, der jüdische Tuchhändler, der sich gerade noch ins südafrikanische Exil retten konnte, der Berliner Architekt, der 1951 gen Westen fliehen musste, die nach dem Moskauer Exil hier nie mehr heimisch gewordenen Schriftsteller (Erpenbecks Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpen beck), die Ukrainerin, die sich "fremd in der Fremde" fühlt. Am Ende wird die "unberechtigte Eigenbesitzerin" Abschied von ihrem Kindheitsparadies nehmen; die Makler, Investoren und Abrissbagger stehen schon vor der Tür.Das Wort "Heimsuchung" schließt Heimatsuche, Hausdurchsuchung und Plagen ein. Erpenbecks Roman ist eine Spurensuche in den Ruinen deutscher Geschichte und die poetische Wiederaneignung des verlorenen Familienerbes in Form eines radikal entkernter Familienromans: Drei Familien, fünf Generationen, hundert Jahre Geschichte auf gerade mal 190 Seiten hochkonzentrierter lyrischer Prosa. Auch wenn die Geschichten von Schuld und Sühne durch Leitmotive virtuos verknüpft und durch Wiederholungen und Wortspiele rhythmisch strukturiert sind, bleiben die Zusammenhänge doch eher vage.Die kleinen Scharmützel und großen Dramen am Scharmützelsee passieren nicht nacheinander, sondern neben- und übereinander. Zeit wird gestaut und verkürzt, gesichtet und geschichtet und "mit sich selbst verschwistert": "Alles wie eins. Heute kann heute sein, aber auch gestern oder vor zwanzig Jahren". Nur der Wechsel der Sprach- und Stilebenen markiert das Vergehen der Zeit. Klara, die Bauerntochter, zerbrach noch an einer in Sprichwörten und festen Begriffen gegründeten archaischen Ordnung; mit den Nazis kommen Unwörter wie "Entjudungsgewinnabgabe", mit der Roten Armee dann leider auch ein Kapitel peinlicher Politpornografie."Die Wildnis bändigen und dann mit der Kultur zusammenstoßen lassen, das ist die Kunst" sagte der Architekt einmal. So wirkt auch "Heimsuchung" manchmal wie eine am Reißbrett entworfene Villa, wie ein Park voll preziöser und sentenziöser Rosenrabatte. Man spürt die Anspannung, um nicht zusagen: Anstrengung, alle Facetten deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert zur Sprache zu bringen. Erpenbeck hat jahrelang recherchiert, vom Bauaktenarchiv Köpenick bis nach Südafrika, hat sich in die Fachsprachen von Geologie, Rosenzucht, Zivilrecht und Bautechnik eingearbeitet; aber am Ende geht die deutsche Geschichte mit ihren Rissen und Brüchen dann fast zu perfekt in poetisch beherrschter Sprachkunst auf.------------------------------Foto: Jenny ErpenbeckHeimsuchung. Eichborn, Frankfurtam Main 2008.190 S., 17.95 Euro.