Neben der Tür im dritten Stock des Abgeordnetenhauses hängt ein kleines Schild mit der Zimmernummer. Das ist alles - nichts verrät, wer den Raum nutzt, kein Hinweis etwa auf CDU- oder SPD-Fraktion, die Abgeordnetenhausverwaltung oder einen der 141 Parlamentarier. Die Tür hat auch keine Klinke, sondern nur einen Knauf. "Das ist der Geheimschutzraum", erklärt der Sprecher des Abgeordnetenhauses, Lutz-Rainer Düsing. So etwas gibt es im ehemaligen Preußischen Landtag, seit das Abgeordnetenhaus im Jahr 1993 aus dem Rathaus Schöneberg ausgezogen und nach Mitte zurückgekehrt ist.Eigentlich sind es ja gleich mehrere Geheimschutzräume - abhörsicher, ohne Fenster und mit extra dicken Türen und Wänden. Zunächst betritt man einen Vorraum, dann folgt eine Art Sekretariat mit Tonbandanlage und einem Computer, der unabhängig vom Netz des Abgeordnetenhauses funktioniert. Hinter einer Doppeltür folgt der Tagungsraum mit Mikrofonanlage auf den Tischen und Platz für 16 Personen. Nur wenn die Doppeltüren auf beiden Seiten richtig verschlossen sind, leuchtet ein grünes Licht über den Türen auf - dann kann die Sitzung beginnen. Wie damals, als der Mykonos-Untersuchungsausschuss tagte. Nach dem Attentat auf vier iranische Oppositionspolitiker im Berliner Restaurant Mykonos im September 1992 versuchten die Abgeordneten herauszufinden, ob die Berliner Sicherheitsbehörden versagt hatten. Mehr als zwei Jahre arbeitete der Ausschuss. Wegen der Gefährdung der Abgeordneten musste dieser Ausschuss im Geheimschutzraum tagen. Ansonsten wird der Raum selten genutzt. Im Abgeordnetenhaus ist es ruhig, es sei denn, das Parlament tritt zu seiner Sitzung zusammen. Das geschieht normalerweise alle zwei Wochen an einem Donnerstag. Dann ist das Haus voll, dann sind die Abgeordneten anwesend, das Casino im ersten Stock geöffnet und viele Berliner oder Lobbyisten, die mit den Abgeordneten etwas zu besprechen haben, kommen in das herrschaftliche Gebäude an der Niederkirchnerstraße in Mitte. An anderen Tagen - auch in einer Sitzungswoche - hält sich der Trubel in Grenzen, die Abgeordneten verlieren sich in dem vierstöckigen Haus auf den weit verzweigten Fluren. Nur zur Mittagszeit fühlt man sich nicht ganz allein, denn die Kantine im Erdgeschoss ist auch für auswärtige Gäste geöffnet. Im Rathaus Schöneberg ging es früher viel lebhafter zu. Mehr als 40 Jahre war das Berliner Abgeordnetenhaus im Rathaus Schöneberg untergebracht. Gemeinsam mit der Senatskanzlei und dem Regierenden Bürgermeister und dem Bezirksamt Schöneberg. Auch die Journalisten waren vor Ort und hatten eigene Pressezimmer. Doch nach der deutschen Einheit trennten sich die Wege: Der Regierende Bürgermeister kehrte mit der Senatskanzlei ins Rote Rathaus nach Mitte zurück und die Journalisten in ihre Redaktionen, da auch das Abgeordnetenhaus im Oktober 1990 sich für einen Umzug aussprach. Der ehemalige Preußische Landtag sollte saniert und Sitz des nach 1945 ersten frei gewählten Gesamtberliner Parlaments werden. 41,1 Millionen Mark werden Umbau und Renovierung kosten, hieß es damals. Wie bei nahezu allen Bauprojekten in Berlin wurde die Sanierung des Landtagsgebäudes viel, viel teurer. 163 Millionen Mark musste das Land Berlin schließlich bezahlen. Auf mehr als 12 500 Quadratmetern finden sich nun 330 Büros, 15 Sitzungssäle und ein geräumiger Plenarsaal, der allein fast tausend Quadratmeter groß ist.Für ein Stadtparlament, das auch ein Landesparlament ist, ist der Bau eigentlich zu groß. Zumal die Zahl der Abgeordneten schon 1995 und dann noch einmal vier Jahre später reduziert wurde. 1993 zogen noch 241 Abgeordnete um, jetzt zählt das Abgeordnetenhaus 141 Mitarbeiter. Weil zwar die Büroräume genutzt, in sitzungsfreien Wochen aber viel Platz in den anderen Besprechungs- und Konferenzzimmern ist, sind regelmäßig Gäste im Haus. Für internationale und nationale Tagungen, für Wirtschafts- oder Lobby-Veranstaltungen wird das Abgeordnetenhaus gerne gebucht. Schließlich liegt es zentral in der Mitte der Stadt, nahe am Regierungsviertel und ist gut mit U- und S-Bahn zu erreichen.Das Abgeordnetenhaus versteht sich als ein offenes Haus - wer mag, kann hinein und sich die große Halle, die Galerie der Ehrenbürger anschauen oder einen Blick in den Plenarsaal werfen. Auch der Besucherdienst des Hauses hat viel zu tun, täglich besichtigen Touristen und Schulklassen das Haus. Das imposante Gebäude wurde in den Jahren 1893 bis 1898 für das Preußische Abgeordnetenhaus im Stil der römischen Hochrenaissance errichtet. Am 16. Januar 1899 zogen die damals 433 Abgeordneten in den Neubau ein. Nach dem ersten Weltkrieg fand im Plenarsaal vom 16. bis zum 21. Dezember 1918 der erste allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands statt. Der Rätekongress beschloss, die Wahlen zur Nationalversammlung für den 19. Januar 1919 anzusetzen. Nach der NS-Machtergreifung wurde das Parlament aufgelöst. Der Volksgerichtshof, das NS-Sondergericht, tagte von 1934 bis zum Frühjahr 1935 im dem ehemaligen Landtagsgebäude. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude schwer beschädigt, zu Zeiten der DDR aber nur teilweise wieder aufgebaut. Die Mauer verlief unmittelbar davor. Im Plenarsaal, der bis zum Fall der Mauer im Rohbauzustand blieb, fanden in den 50-er Jahren Schießübungen der Gesellschaft für Sport und Technik statt.Historische Stunden hat das Parlament auch nach 1993 gehabt, als es von Schöneberg nach Mitte zurückkehrte. Am 16. Juni 2001 wurde der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) abgewählt. Oder die Wahl des ersten SPD-PDS-Senats in Berlin am 17. Januar 2002, als Klaus Wowereit (SPD) zum Regierenden Bürgermeister und der PDS-Politiker Gregor Gysi zum Wirtschaftssenator und Bürgermeister der Stadt gewählt wurden. Die Bankenaffäre, die das Land Berlin und auch die Bundesrepublik im Jahr 2001 erschütterte, versucht seitdem ein Untersuchungsausschuss im Abgeordnetenhaus aufzuarbeiten. Anders als der Mykonos-Ausschuss tagt der aber nicht im Geheimschutzraum im dritten Stock, sondern im Saal 113. Die Akten der Bankgesellschaft befinden sich in Stahlschränken in einem Leseraum im zweiten Stock des Hauses und werden von einem Mitarbeiter der Verwaltung herausgegeben, der genau notiert, wer darin liest und damit arbeitet. Auch in einem offenen Haus gibt es Grenzen.Politische Orte - Wo die Entscheidungen fallen. Vom Café Einstein bis zum Reichstag heißt das Buch zur Serie. Es erscheint im Jaron-Verlag, kostet 8,80 Euro und ist ab 29. Juni im Buchhandel.------------------------------Hinterzimmer der Macht / Teil 7 // Politik wird nicht nur in Parlamenten gemacht, das weiß mittlerweile jeder. Aber wo treffen sich Politiker, um Entscheidungen vorzubereiten oder Meinungen auszuloten. Die Berliner Zeitung stellt in einer Serie 18 politische Orte vor.Das Abgeordnetenhaus befindet sich im ehemaligen Preußischen Landtag an der Niederkirchner Straße 5 in Mitte.Für Besucher ist das Parlament montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr zugänglich. Zu den kostenlosen einstündigen Führungen ist eine telefonische Anmeldung nötig unter 23 25 10 61, -1062, -1064, -1065.------------------------------Karte: Der Preußische Landtag befindet sich an der Niederkirchner Straße.------------------------------Foto: Ins Foyer des Preußischen Landtags kann jeder Besucher hineinspazieren - manchmal spielen dann zufällig dort gerade die Berliner Symphoniker.