Sie leben in Notquartieren, finden Unterschlupf bei Bekannten oder kommen in Heimen, Billigpensionen und Campingplätzen unter: 284.000 Menschen waren nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe (BAG) im vergangenen Jahr in Deutschland ohne feste Wohnung. Das sind 15 Prozent mehr als 2010, wie der Verbands-Geschäftsführer Thomas Specht am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung der Zahlen sagte.

Es handelt sich dabei um Menschen, die ihre Miete nicht mehr zahlen konnten, zwangsgeräumt wurden oder keine bezahlbare Wohnung fanden. Alle zwei Jahre erhebt die BAG diese Daten. Eine repräsentative bundesweite Statistik der Bundesregierung gibt es zum Bedauern des Verbandes nicht. Demnach gab es allein im vergangenen Jahr 25.000 Zwangsräumungen, in 40.000 Fällen zogen die Mieter aus, bevor es zum Räumungsverfahren kam.

„Ein ausschließlicher Blick auf die Zwangsräumungszahlen verkennt das Ausmaß der neu entstehenden Wohnungslosigkeit“, erklärte Specht. Weiteren 130.000 Menschen habe der Verlust ihrer Wohnung gedroht. Jeder zehnte Wohnungslose war laut BAG minderjährig, drei Viertel der Betroffenen waren Männer.

Rasant steigende Mieten

Der Verband spricht dabei von konservativen Schätzungen. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Ausmaß der Wohnungslosigkeit zwischen 2010 und 2012 sogar noch dramatischer gestiegen ist als erwartet“, sagte Specht. Hoffnung, dass sich die Situation kurzfristig wieder entspannt, hat er mit Blick auf den Wohnungsmarkt nicht. Im Gegenteil: Angesichts weiter steigender Mieten und immer knapper werdendem Wohnungsraum prognostiziert der Verband bis 2016 sogar 380.000 Wohnungslose, das wäre ein Anstieg um 30 Prozent. Schon jetzt schlagen Behördenleiter in Städten wie München Alarm. Dort sind alle Notunterkünfte belegt, Mitarbeiter völlig überlastet, weil der Andrang von Verzweifelten nicht nachlässt, die nicht mal mehr ein erschwingliches Zimmer finden.

Denn Hauptgrund für die zunehmende Wohnungsnot sind die Mieten, die vor allem in den Ballungsräumen rasant anziehen. Wie die SPD fordert deshalb auch die BAG eine Mietpreisbremse. Bei Neu- und Wiedervermietung dürfe die Miete nicht mehr als zehn Prozent steigen. „Mieten und die hohen Energie-Nebenkosten sind Brandbeschleuniger“, sagte Specht.

Der Verband beklagt zudem, dass es fast keinen preiswerten sozialen Wohnungsbau mehr gebe. Besonders für Alleinstehende werde es zunehmend schwierig, ein bezahlbares Heim zu finden. Die Wohnungspolitik soll nach den Vorstellungen der BAG wieder auf Bundesebene verankert werden. Länder und Kommunen müssten eine aktive Wohnungsbaupolitik betreiben.

Mehr Beratung nötig

Unabhängig davon könnten die Kommunen schon mit einfachen Maßnahmen die Not von Menschen lindern, die von Zwangsräumung bedroht sind, etwa durch mehr Beratung. Viel zu wenige Kommunen und Landkreise, vor allem in Ostdeutschland, machten von den gesetzlichen Möglichkeiten Gebrauch und richten Fachstellen ein. Dabei ließe sich in fast 80 Prozent der Fälle ein Verlust der Wohnung verhindern, wenn sich eine entsprechende Fachstelle des Problems annehme.

Scharf kritisiert der Verband die Sanktionspolitik bei Hartz IV. Behörden können jungen Arbeitslosen die Übernahme der Kosten für die Unterkunft streichen, wenn diese gegen Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit verstoßen. Der Verband hält das für verfassungswidrig und eine völlige Fehlentscheidung, da dadurch die Zahl der jungen Wohnungslosen steige.

Die Menschen, die mangels Wohnraum auf der Straße leben müssen, sind nach den Worten von Specht „nur die sichtbare Spitze des Eisbergs“. Obdachlose, die auf Parkbänken und unter Brücken schlafen, machen nämlich nur einen geringen Teil der Wohnungslosen aus. So haben nach Schätzungen der BAG lediglich acht Prozent der Wohnungslosen gar kein Dach über dem Kopf und leben auf der Straße. Doch auch ihre Zahl steigt: um zehn Prozent im Vergleich zu 2010.