OBERSCHÖNEWEIDE. Kahl sieht er aus, der neue Stadtplatz in Oberschöneweide mit seinem ordentlich verlegten Rollrasen zwischen den weitläufigen Betonflächen neben dem Kaisersteg - der neuen Fußgängerbrücke zwischen Ober- und Niederschöneweide. Geradezu steril wirkt er neben den alten Industriehallen, den Baukränen und Schornsteinen, die den ehemaligen Ost-Berliner Industriestandort prägten. AEG, Kabelwerk Oberspree, Werk für Fernsehelektronik haben in den vergangenen hundert Jahren in den Hallen produziert. Keines der großen Unternehmen ist nach 1989 geblieben.Doch es sieht so aus, als hätte Oberschöneweide eine ganz neue Zukunft vor sich: als Wohngegend für junge Familien und als Kulturstandort. Schleichend wandelt sich das Stadtbild und beständig, seit Oberschöneweide 1995 zum Sanierungsgebiet erklärt wurde. Der Lärm der Bauarbeiter, die auf der Wilhelminenhofstraße Gerüste abbauen, ist Teil dieser Veränderung. Sanierte Altbauten kommen zum Vorschein, in deren Fenstern "zu vermieten" steht.Im Kultur- und Technologiezentrums Rathenau sitzt Wilken Straatmann im Büro von Immobilien-Vermittlerin Anke Schuster. 36 Büros und Ateliers vermietet sie im Auftrag der Stadt an Künstler, Modedesigner, Restauratoren, 25 sind bereits vermietet oder vorgemerkt. Kulturmanager Straatmann unterschreibt einen Mietvertrag für zwei Büros in der sanierten Fabrikhalle. "Hier bewegt sich viel. Das Fabrikgelände hat ein riesiges Potenzial, und die Mieten sind günstig", sagt er. Straatmann hofft für das Umfeld auf kreativen Input durch die Studenten der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), deren Fachbereich Gestaltung sich seit Oktober 2006 in Oberschöneweide befindet. Noch sind es erst tausend Studenten, die hier lernen. In zwei Jahren werden es schon 6 000 sein. Mehr Cafés und kulturelle Veranstaltungen werde es dann in Oberschöneweide geben, prophezeit Anke Schuster.Zum Beispiel Orte wie das Kranhauscafé zwischen Samsung-Gebäude und Spree. Es sieht aus wie ein Szenelokal am falschen Ort. Surreal ragt der Kran auf dem Dach in den Himmel. Das Café mit den auffallend modernen Fensterfronten gilt als Geheimtipp in Oberschöneweide, wie auch die Fabrikhalle der Künstlergruppe "Dead Chickens". Gleich neben dem neuen Atelierhaus, in das Wilken Straatmann ziehen wird, bauen dort fünf Künstler skurrile übergroße Monsterskulpturen für Fernsehen und Theater. Das kreative Kleinod haben viele Oberschöneweider bisher noch gar nicht entdeckt. "Zur Ausstellung kamen zu wenig Leute", sagt Ole M. Rochollon, während er an beweglichen Riesenbabys und Fantasiefiguren vorbei durch die Halle geht. Rochell kommt nur zum Arbeiten nach Oberschöneweide. Kontakt zu den Menschen, die hier wohnen, hat er kaum.Den Studenten, die seit Oktober 2006 den Stadtteil bevölkern, geht es ähnlich. Noch kommen die jungen hippen Leute in Röhrenjeans nur zu den Vorlesungen in der Wilhelminenhofstraße. Danach fahren sie schnell nach Kreuzberg oder Friedrichshain zurück. Doch die örtliche Wohnungsgesellschaft Köwoge vermietet seit kurzem WG-taugliche Wohnungen mit niedriger Miete exklusiv an FHTW-Studenten. Vor zwei Wochen ist der erste Mieter eingezogen. "Weitere Anfragen liegen vor", sagt Erika Kröber von der Köwoge. Insgesamt 3 700 Wohnungen besitzt die Köwoge in Oberschöneweide. Bis 2005 wurden alle Wohnungen saniert, nur fünf Prozent stehen leer. Vor fünf Jahren waren es noch 28 Prozent.Auch Marina und Thomas Schröder-Heidtmann (beide 28) haben Oberschöneweide für sich entdeckt. Sie wohnen in einem der zahlreichen sanierten Altbauten. "Die Nähe zur Wuhlheide mit dem FEZ und die Spree, auf der ich mit meinem Kanu paddeln kann, finde ich ideal", sagt der Polizist. Seine Frau, selbst Absolventin der Universität der Künste, lobt das kreative Potenzial des Stadtteils. "Es ist größer als viele denken." Außerdem sei Oberschöneweide kinderfreundlich. Es gebe viele Spielplätze und Nachbarschaftsprojekte. "Deshalb werden wir auch hier bleiben, wenn wir Nachwuchs bekommen."------------------------------Wieder mehr EinwohnerZur Industriestadt wird Oberschöneweide ab 1889 ausgebaut. Ab 1895 errichtet die AEG unter Generaldirektor Emil Rathenau Werke wie das Drehstromwerk, das Kabelwerk Oberspree (KWO) und das Transformatorenwerk (TRO). In den Folgejahren kommen noch mehr AEG-Tochterunternehmen dazu. 1914-17 entsteht der Peter-Behrens-Bau an der Ostendstraße als Produktionskomplex der AEG-Tochter Nationale Automobil AG (NAG).Der Kaisersteg zwischen Ober- und Niederschöneweide wird 1897 auf Initiative der AEG gebaut. 1945 wird die Brücke im Krieg zerstört.Zum Rüstungsunternehmen steigt die AEG im Ersten Weltkrieg auf. 18 000 Menschen arbeiten inzwischen in Oberschöneweide. Auch im Zweiten Weltkrieg bleiben die Werke wichtiger Bestandteil der Rüstungsindustrie. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene arbeiten dort. Ein Viertel der Industrieanlagen wird gegen Kriegsende zerstört.Nach 1949 werden die Fabriken in volkseigene Betriebe umgewandelt. Aus AEG wird der "VEB Transformatorenwerk Karl-Liebknecht", das KWO wird zum "VEB Kabelwerk Oberspree Wilhelm Pieck".Nach der Wende stehen die Produktionsbänder still, das Gros der 25 000 Arbeitsplätze geht verloren. 1990 hat Oberschöneweide noch 18 000 Einwohner, 1997 nur noch 15 000. In diesem Jahr sind es wieder 16 000.Das Sanierungsprojekt Oberschöneweide begann 1995. Seit 1999 wurden 4,5 Mio. Euro investiert. Das Quartiersmanagement beendet jetzt die Arbeit.------------------------------Foto: Neue Brücke und alte Industriebauten. 1945 wurde der Kaisersteg zerstört, jetzt verbindet er Ober- und Niederschöneweide wieder.Foto: Kunst in Industriehallen. Hannes Heiner (r.) und Ole M. Rocholl zeigen Figuren, die sie für eine Monsterspieluhr gebaut haben. Ihre Künstlergruppe "Dead Chickens" hat ihr Atelier in einer der alten Rathenauhallen.