Die Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling spricht von einem "Stück aus dem Tollhaus". Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB findet es "äußerst ärgerlich". Obwohl der Senat in den vergangenen Jahren 19,9 Millionen Euro investiert hat, damit die Straßenbahn an Ampeln Vorrang bekommt, ist sie inzwischen wieder langsamer geworden. Das geht aus einer Untersuchung im Auftrag des Senats hervor. Betroffen sind nicht nur die Fahrgäste, sondern auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Je mehr Zeit benötigt wird, um die Strecken abzufahren, desto mehr Züge und Fahrer sind nötig. Entweder kommt der Senat für die Zusatzkosten auf - oder der Fahrplan wird ausgedünnt."Schotterschnecke": So hat der damalige BVG-Chef Rüdiger vorm Walde Ende der Neunzigerjahre die Straßenbahn mitleidig genannt. Zu Recht - denn die Berliner "Elektrische" galt mit einem Durchschnittstempo von 17,6 Kilometer pro Stunde als eine der langsamsten im Land. Damit sie nicht mehr so stark ausgebremst wird, begann der Senat ein ehrgeiziges Beschleunigungsprogramm. Seitdem wurden 299 Ampelanlagen mit Vorrangschaltungen für die Tram versehen. Für den Busverkehr sind sogar 639 Anlagen neu programmiert worden. Kosten: rund 11,1 Millionen Euro.Doch inzwischen wurden einige Erfolge wieder zunichte gemacht. Das zeigt ein Vergleich für 2008 und 2009, den das Center Nahverkehr Berlin vorgelegt hat. Danach sank die durchschnittliche Geschwindigkeit aller Straßenbahnen von 19,6 auf 19,3 Kilometer pro Stunde. Betrachtet man nur die Metrotram, so ging deren Tempo von 19,2 auf 18,8 Kilometer in der Stunde zurück. Die Durchschnittsgeschwindigkeit aller Busse in Berlin blieb mit 19,5 Kilometer in der Stunde unverändert. Doch wenn man die Nachtbusse herausrechnet, ergibt sich auch dort eine Verschlechterung - von 24,2 auf 23,3 Kilometer pro Stunde.Entschleunigung statt Beschleunigung: Warum das so ist, darüber gibt es Streit. "Die Ursache liegt bei der Verkehrslenkung Berlin", sagte Claudia Hämmerling. "Sie setzt die Vorrangschaltungen an Ampeln außer Betrieb, damit der Autoverkehr freie Fahrt hat." Für die Ampelplaner sei der Nahverkehr "oft nur ein Akteur von vielen", erklärte Jutta Matuschek, die verkehrspolitische Sprecherin der Linken. Auch komme es vor, dass Vorrangschaltungen bei Bauarbeiten aus- und danach nicht wieder eingeschaltet werden.Oft stecke der Teufel im Detail, hieß es gestern im Senat. So sind die Straßenbahnen auf der Linie M 6 in der Tat länger unterwegs, weshalb ein zusätzlicher Zug eingesetzt werden muss. Jährliche Mehrkosten: 130 000 Euro. Doch das liege auch daran, dass dort eine Buslinie beschleunigt worden ist - zu Lasten der Tram. Weitere Beispiele: Wenn Bahnen an einer Haltestelle länger stoppen müssen, weil das Fahrgastaufkommen gestiegen ist, passt der Ampel-Schaltplan oft nicht mehr. Beim Busverkehr wirken die neuen Tempo-30-Bereiche bremsend."Ampeln müssen regelmäßig überprüft werden, ob sie noch richtig funktionieren und ob die Schaltungen den Verkehrsströmen angemessen sind", so ein Planer. Das ist das Ziel der Qualitätssicherungsvereinbarung, die der Senat mit der BVG geschlossen hat. Sie soll die "schleichende Verlangsamung" umkehren. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) müsse sich "die Beschleunigung des Nahverkehrs auf die Fahnen schreiben", forderte Jens Wieseke. Die bisherige Geldverschwendung, kritisierte Claudia Hämmerling, sei "ein Fall für den Rechnungshof".------------------------------Schlechte BilanzZeit ist Geld: 350 000 Euro muss die BVG pro Jahr zusätzlich ausgeben, weil ihre Straßenbahnen länger unterwegs sind. Das erfordert mehr Fahrzeuge und damit mehr Personal.531 Ampelanlagen sollten in den Jahren 2006-08 Vorrangschaltungen erhalten. Tatsächlich waren es 136.------------------------------Grafik: Durchschnittsgeschwindigkeit Straßenbahn und Bus