In einer dieser Nächte, in denen man den Wind zwischen den Hochhäusern des Frankfurter Finanzviertels heulen hört, sitzt Claudia Keht schon wieder auf einer Holzbank und empört sich. Die 25-Jährige spricht über die Schuldenkrise der Staaten, den Stabilitätsmechanismus, die Defizite der demokratischen Partizipation. Die junge Frau schlingt ihre Decke enger um die Hüften, es ist kalt. Doch sie verhandelt weiter über die neue Zeit. Mit Menschen, die sie bis vor ein paar Tagen noch nie gesehen hat.

Claudia Keht ist eine von Dutzenden, die in der vergangenen Woche hier ihre Zelte aufgeschlagen haben, gleich neben den Zentralen der Großbanken. „Das Schönste ist ja“, sagt sie, „dass ich mit alldem jetzt nicht mehr allein bin.“ Tatsächlich versammeln sich jeden Abend mehrere Hundert Menschen zwischen den Hochhäusern. Sie sind jung und alt, laut und leise, Antifaschisten und Atomkraftgegner, Globalisierungskritiker, Utopisten, Studenten, Lehrer, Angestellte. Sie kommen aus der Stadt und vom Land, aus Hessen, aus Schwaben. Sie alle sind „Occupy Frankfurt“.

Ein Teil jener weltweiten Bewegung, die am letzten Wochenende Hunderttausende mobilisierte. 5 000 in Frankfurt, 5 000 in London, 10 000 in Spanien, 200 000 in Rom. Es gab keine Anführer bei diesen Protesten, nur ein gemeinsames Gefühl: Empörung darüber, in einem Land zu leben, das mehr Geld für Banken ausgibt als für Menschen. Die Politik war von dem Protest überrascht – und überfordert.

Schließlich war es erst einige Wochen her, dass die Bewegung auf ein paar Hundert Demonstranten beschränkt war, die sich in New York zu einer Gruppe namens „Occupy Wall Street“ zusammengeschlossen hatten. Unrealistische Träumer – die jetzt das Momentum auf ihrer Seite haben. Und die schweigende Mehrheit der Bevölkerung wohl auch. Doch wie nutzt man diese Wucht? Wie wird aus einem weltweiten Gefühl, einer heterogenen Masse eine zielgerichtete Bewegung? Einigkeit herzustellen, ist die große Herausforderung in den Camps, die letzte Woche weltweit entstanden sind.

„Natürlich ist es anstrengend“

„Wir fangen bei null an, wir sind völlig unvoreingenommen“, sagt Claudia Keht. „Wir sind uns erst einmal nur einig darüber, dass es so nicht weitergehen kann.“ Auch wenn es keine Hierarchie gibt bei „Occupy Frankfurt“, so hat sich doch schon in den ersten Tagen eine erstaunlich gut funktionierende Organisation herausgebildet, es gibt Arbeitsgruppen und Workshops, jemand schlägt vor, neue Flyer zu gestalten oder über das Bildungssystem zu debattieren, und schon finden sich 15 bis 35 Menschen, die mitmachen. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es Asambleas, wie die Aktivisten ihre Versammlungen nach spanischen Vorbild nennen, nach jenen Versammlungen, die im Sommer auf der Puerta del sol in Madrid von den ersten wütenden Europäern abgehalten wurden.

Da im Frankfurter Oktober das Wetter schlechter ist als im spanischen Mai, drängen sich für die heutige Asamblea etwa hundert Menschen in den Katakomben des nahe gelegenen Schauspielhauses. Während auf einer Bühne George Taboris Hitler-Farce „Mein Kampf“ gegeben wird, steht in der Cafeteria ein junger Mann mit Ziegenbärtchen vor einem Flipchart. Es ist Seba, er erklärt die Regeln der Asamblea. Sagen darf jeder, was er will, es gibt eine Rednerliste und Redezeit. Wer einem Beitrag zustimmt, schüttelt die Hände in der Luft, wer dagegen ist, verschränkt die Arme vor dem Gesicht. Genauso wie in New York, in London, Rom, Sao Paulo und Helsinki, es sind die globalen Codes der Bewegung,

Dennoch ist eine Asamblea eine langwierige Angelegenheit, die erst endet, wenn alle die Hände schütteln, denn nur im Konsens gilt etwas als beschlossen. „Natürlich ist das anstrengend“, sagt Seba, „ aber wir müssen endlich hinnehmen, dass demokratische Prozesse anstrengender sind, als alle paar Jahre ein Kreuz zu machen.“

Für die Verbreitung dieser Codes sorgt eine ebenso globale Vernetzung. Kommunikationswege, die so vielgestaltig sind wie die Bewegung selbst. Vor allem die neuen Medien werden von den Aktivisten benutzt. So finden sich auf der offiziellen Homepage der Bewegung Forderungen der Demonstranten, ein Internet-Livestream von den Protesten und Termine für die Aktivisten. Darüber hinaus haben Sympathisanten eine eigene Seite ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Wir sind die 99 Prozent“ haben Hunderte Menschen aufgeschrieben, wie ihre Lebensumstände von der Finanzkrise betroffen sind. Zu Aktionen und Kundgebungen mobilisieren sich die Aktivisten via Twitter und Facebook. Im Gegensatz zu der Occupy-Bewegung in der realen Welt hat dieses virtuelles Netzwerk jedoch eine Art Zentrum.