BERLIN. Ökostrom ist auf dem Vormarsch, und zwar schneller als gedacht. Auf fast 40 Prozent wird der Anteil der erneuerbaren Energien an der Elektrizitätsversorgung Deutschlands bereits bis 2020 ansteigen. So die offizielle Prognose der Bundesregierung. Das macht klar, wie schnell der Ökostrom - Anteil 17 Prozent - die Konkurrenz, vor allem Atom und Kohle, verdrängt. Die Debatte über eine AKW-Laufzeitverlängerung erscheint da wie aus der Zeit gefallen. Und doch wird sie heftig geführt. Die "Brückenfunktion" der Kernkraft müsse ausgebaut werden, sagen Befürworter. Atomkraftwerke "verstopften" die Netze für die Ökoenergie, so die Kritiker. Wer hat Recht?Geringere AuslastungDie Stromkonzerne, die derzeit 17 Atommeiler mit rund 23 Prozent Anteil an der Stromproduktion betreiben, forcieren in jüngster Zeit ein neues Argument: Sie preisen Ökostrom und Atomstrom als das Dreamteam der Elektrizitätsversorgung an. Erneuerbare Energien und Kernkraft seien "hervorragende Partner im Netz und im Klimaschutz", verkündet der südwestdeutsche Versorger EnBW, dessen Alt-AKW Neckarwestheim 1 als nächstes auf der Ausstiegsliste des rot-grünen Atomkonsens steht und eigentlich noch 2010 vom Netz müsste. Die Atommeiler passten, da besonders gut regelbar, gut zur Ökoenergie, deren Stromproduktion je nach Windverhältnissen und Sonneinstrahlung stark schwankt.Die Technik erlaubt das Zusammenspannen von Öko und Atom durchaus. AKW können im Bereich von rund 40 bis 100 Prozent der Maximal-Leistung flexibel "gefahren" werden. Lastwechsel gelingen hier sogar besonders schnell: Pro Minute ist die Leistung um fünf bis zehn Prozent hoch- oder herunter regelbar - flexibler als bei den sonst dafür gepriesenen Gas-Kraftwerken.Die deutschen AKW seien in den 70er und 80er Jahren genau mit dieser Anforderung bestellt worden, erläutert der deutsch-französische AKW-Bauer Areva, an dem Siemens beteiligt ist. Jedoch: Schnell mal Aus- und wieder Anschalten - das funktioniert nicht: "Zum Anfahren aus dem kalten Zustand benötigen Kernkraftwerke mehrere Stunden bis Tage", schreibt Areva.Die Befürchtung, die Sicherheit könne unter der Flexi-"Fahrweise" leiden, weisen Areva und die Betreiber zurück. "Lastwechsel bedeuten kein Sicherheitsproblem", heißt es bei RWE. Die Anlagen sein darauf ausgelegt. Die stärkere Materialermüdung durch wechselnde Drücke und Temperaturen sei in den Sicherheitsnachweisen berücksichtigt, nötigenfalls würden Komponenten frühzeitig ausgetauscht, so Areva. Auch ein kritischer Experte wie Stefan Kurth vom Öko-Institut Darmstadt sieht keine völlig neue Sicherheitslage. Jedoch gebe es "in Deutschland vergleichsweise wenig Erfahrung damit". Anders ist es in Frankreich, wo viele AKW schon immer flexibel laufen.Tatsächlich haben die Stromkonzerne zuletzt die Betriebsweise von immer mehr Atomkraftwerken geändert. Früher produzierten die Nuklearzentralen durchweg Grundlast-Strom. Das heißt: Außerhalb der jährlichen Revision und von Reparatur-Zeiten lieferten sie konstant und rund um die Uhr Elektrizität. Die mittlere Auslastung lag bei 95 Prozent. Jetzt sinken die Nutzungszeiten, nicht nur in Alt-Anlagen wie Biblis, bei denen die Stromkonzerne die Reststrom-Mengen strecken, in dem sie sie auf halber Kraft oder weniger laufen lassen. Gerade in Norddeutschland, wo die Windrotoren an Nord- und Ostsee viel Ökostrom ins Netz einspeisen, sind die AKW im "Lastfolgebetrieb". Ihre Auslastungskurve flattert stark, je nachdem, welche Stromlücke noch zu füllen ist.Allerdings: Das Ende des "Dreamteams" aus Öko und Atom ist in Sicht - gerade angesichts der jüngsten Ausbauprognose der Bundesregierung. Wie lange es noch funktionieren kann, hängt davon ab, wie schnell die erneuerbaren Energien anwachsen. Schon vor 2030 dürften die Kapazitäten von Wind, Wasser, Biomasse, Solar und Co. so groß sein, dass an windigen und sonnigen Tagen der aktuelle Stromverbrauch komplett daraus gedeckt würde.Logische Folge: Atom- und Kohlekraftwerke müssten "für Stunden oder Tage ganz abgeschaltet werden", wie das Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik analysierte. Die beim Wiederanfahren schwerfälligen AKW passen dann nicht mehr ins System. Flexible Gasturbinen-Kraftwerke, die Quickstarts hinlegen können, müssen die Lücke füllen. Und die AKW-Laufzeitverlängerung? Macht in dem Öko-Ausbau-Szenario keinen Sinn, zumal sich der Atomausstieg bereits ohne schwarz-gelbe Revision vom früher angepeilten Endjahr 2021 deutlich nach hinten verschiebt. Der Grund: Weil die AKW nicht mehr voll laufen, reichen die genehmigten Reststrommengen länger. Nach einer Analyse des Berliner Energie-Experten Felix Matthes vom Öko-Institut dürfte das letzte AKW "zwischen 2024 und 2027" außer Betrieb gehen. "Da noch draufzusatteln, wäre kontraproduktiv."------------------------------Kompromiss zur SolarförderungSenkung: Bund und Länder haben sich gestern darauf geeinigt, die Solarförderung gestaffelt zu senken und nicht wie geplant einheitlich. Danach werden die Zuschüsse rückwirkend zum 1. Juli um 13 Prozent gesenkt und im Oktober um weitere drei Prozent.Kompromiss: Ursprünglich sollte die Förderung von Solarstromanlagen auf Dächern um 16 Prozent, auf Freiflächen um 15 Prozent und für Anlagen auf Konversionsflächen um elf Prozent gekürzt werden. Für Solaranlagen auf Ackerflächen gibt es keine Vergütung.Zustimmung: Der Bundesrat wollte die Absenkung auf zehn Prozent beschränken. Bundestag und Bundesrat müssen den Kompromiss noch bestätigen.------------------------------Foto: Als alternative Energiequelle auf dem Vormarsch: Solarstrom.